– 27.09.2016

Tel Aviv gilt als die Bauhaus-Stadt schlechthin. Im Zentrum der Startup-Supercity am Mittelmeer stehen rund 4.000 Gebäude, zu einem großen Teil von Bauhaus Architekten im sogenannten International Style erbaut. Unlängst erklärte die UNESCO dieses Freilichtmuseum der Architektur zum Weltkulturerbe. Das Faszinierende an diesem Ensemble sind die unterschiedlichen Handschriften der Architekten, die Stilvarianten, der gesellschaftliche Hintergrund, vor dem diese Häuser gebaut wurden und nicht zuletzt die Kulisse: die Gartenstadt Tel Aviv mit ihrem heiß-feuchten Klima. Selbst wenn nicht alle dieser Häuser strahlendweiße Fassaden haben, manche sind braunschattiert, gräulich, unrenoviert und unverputzt, so erkennt man doch schon auf den ersten Blick ihre stilistische Herkunft.

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Bevor das Bauhaus nach Tel Aviv kam

Tel Aviv wurde 1909 gegründet. Es gab ein paar wenige Häuser, unter anderem von deutschen Templern, die auch heute noch dort stehen und einem kurz das Gefühl geben, im Schwarzwald zu sein. Ansonsten viel Dünensand, Hitze, das Mittelmeer im Westen und im Norden den Fluss HaYarkon. Meir Dizengoff, seinerzeit Bürgermeister von Tel Aviv, beauftragte 1925 den Schotten Sir Patrick Geddes damit die Stadt so zu planen, dass sie genug Platz für das erwartete Bevölkerungswachstum bietet. Geddes entwarf einen Masterplan mit breiteren Verkehrs- und schmaleren Wohnstraßen, Wohnblöcken, sozialer Infrastruktur und kurzen Wegen. Er konstruierte Tel Aviv als Gartenstadt nach europäischem Vorbild, mit dem entscheidenden Unterschied, dass er die Grünanlagen in die Stadt integrierte. Geddes gab den Rahmen und den Grundriss vor, in dem eine neue Architektengeneration wirken sollte.

Die Bauhaus-Architekten von Tel Aviv

Bereits in den 20er-Jahren sind viele der künftigen Bauhaus-Architekten Tel Avivs aus Osteuropa ins damalige Palästina immigriert. Von dort aus gingen sie an die modernen, renommierten europäischen Architekturschulen und studierten bei Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe am Staatlichen Bauhaus. In den 30er-Jahren verließen viele von ihnen Europa endgültig. Rund zwei Dutzend ehemalige Bauhausschüler emigrierten nach Palästina. Einer der wichtigsten Vertreter war Arieh Sharon. 1920 kam der gebürtige Pole nach Palästina, 1926 nahm er sein Studium am Dessauer Bauhaus noch bei Walter Gropius auf. Er absolvierte und arbeitete im Berliner Architekturbüro von Hannes Meyer und ging anschließend nach Tel Aviv. Sein Architekturbüro gehört noch heute zu den renommiertesten in Israel

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Anfang der 1930er-Jahre schlossen sich die emigrierten europäischen Architekten, darunter Arieh Sharon, Dov Karmi, Ze´ev Rechter, Carl Rubin, Josef Neufeld, Richard Kaufmann, Genia Averbuch, Shmuel Mestechkin, Shlomo Bernstein, Munio Gitai-Weinraub und Josef Berlin zusammen. Nach Berliner Vorbild nannten sie ihre Architekten-Vereinigung HaChug (hebräisch für „der Ring“, so hieß das deutsche Pendant), gaben eine Zeitschrift (HaBinjan, „Der Bau“) heraus, gewannen stetig an Einfluss und bauten schließlich Tel Aviv.

Die Bevölkerung in der Mittelmeermetropole wuchs rasant. Den Architekten ging es um die Ästhetik der Effizienz, den Leitgedanken des Bauhauses „Form follows Function“, „Wohnen für alle“ und „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ – Maxime, die perfekt zu Zeit und Ort passten. Die Stadtplanung von Sir Patrick Geddes und das Klima gaben den Rahmen vor: Der Wind kommt von Westen, es ist bisweilen unerträglich heiß und es gab noch keinen Schatten durch Bäume oder Bauten. Es musste schnell gehen und so wurde mit dem Material gebaut, das da war, vorrangig mit Beton, auch Glas, aber Eisen war schwierig zu beschaffen. Die Architekten passten ihr in Europa erlerntes Handwerk und ästhetisches Empfinden den Bedingungen des Ortes an und schufen die so markanten zwei- bis dreigeschossigen Häuser mit ihren oft umlaufenden, abgerundeten Balkonen, die für Luftzirkulation sorgen. Kleine, schlitzartige Fenster verhindern zudem das Aufheizen der Räume; die Flachdächer dienen als Nutzfläche und abendlicher Treffpunkt der Hausgemeinschaft. LeCorbusiers Säulenprinzip ermöglicht sogar einen Garten unter den Häusern anzubauen, zusätzlich zu den Grünflächen, die der Geddes-Plan vorgesehen hatte. Schnörkellos, schlicht, geprägt von den zeitgeistigen Vorstellungen der Architekten und von unglaublich moderner Präsenz – so entstand Tel Aviv, übersetzt: „Hügel des Frühlings“.

2019 wird das Bauhaus 100 Jahre alt. Die Architekten von damals haben nach dogmatischen Prinzipien und für wachsende Gesellschaften gebaut – Motive, die heute aktueller denn je sind, durch die wachsenden Städte und Smart Cities, die derzeit für die Zukunft geplant werden und in der die Architektur wieder eine entscheidende Rolle spielen wird. Bei meist strahlendem Sonnenschein lässt sich in Tel Aviv schön Eintauchen, in diese faszinierende Verwobenheit von Architektur- und Gesellschaftsgeschichte.

Text und Bild: Susanne Weller

 

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