– 22.04.2016

Stylemag_Header_Fashion Made Fair II

Das blütenweiße Interieur des Eins Unter Null, Berlins jüngstem Zuwachs im Bereich nachhaltige Gastronomie, strahlte am Mittwoch, den 20.04.2016, mit der Aprilsonne um die Wette. “Für Speisen, so ehrlich und unverfälscht, wie ein Spaziergang auf den verwachsensten Pfaden lange gemiedener Wälder.” heißt es auf der Website. Der scheinbar perfekte Ort, um ein Buch vorzustellen, das sich auf 191 Seiten mit eben dieser Thematik befasst, wenn auch in einem anderen Metier. Einem Metier, in dem junge Newcomer-Labels mit Modegiganten wie H&M schon lange um die Pool-Position konkurrieren, der Bekleidungsindustrie. Im Zuge des stetig wachsenden Angebots scheint es augenscheinlich fast eine logische Konsequenz, das Thema auf den Prüfstand zu stellen und dabei vor allem der Frage nachzugehen, was Nachhaltigkeit besonders im internationalen Vergleich eigentlich bedeutet. Denn Mode ist ein globales Phänomen, ebenso wie die wachsende Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft und Produktion. Mehr noch als im Bereich der Ernährung kommt dem Verbraucher dabei längst eine Schlüsselrolle zu. Du bist, was du trägst – und längst trägt nicht jeder mehr einfach alles. Zumindest nicht ohne nachgefragt zu haben. Doch wer definiert eigentlich die Richtlinien für die Etikettierung “nachhaltig”? Wann spricht man von einem ganzheitlich nachhaltigen Konzept, das nicht nur bei der Produktion und den verwendeten Materialien anfängt, sondern streng genommen auch bei der Frage, was mit den Sachen passiert, wenn sie ihren Soll erfüllt haben – wenn sie getragen worden und entsorgt werden müssen.

Um dieser Frage nachzugehen, gibt es wohl kaum eine bessere Experten-Konstellation als Magdalena Schaffrin und Ellen Köhrer, die ihr Wissen jetzt unter dem Titel “Fashion Made Fair”, erschienen im Prestel Verlag, gebündelt haben. Kennengelernt haben sie sich vor zwei Jahren bei einem Interview. Aus dem Gespräch entstand schnell eine gemeinsame Vision, basierend auf einer Leidenschaft, der Ellen Köhrer seit 2013 mit ihrem Blog “Grün Ist Das Neue Schwarz und Magdalena Schaffrin mit der Modefachmesse für nachhaltiges Design, dem “Greenshowroom“, während der Berliner Fashion Week Tribut zollen. Getrieben von der Idee, ökologisch korrekte Mode ins Rampenlicht zu rücken. Ergo: Design, das gleichermaßen fair, hochwertig und modisch ist.

“Unsere Intention war es durchaus ein Modebuch zu machen. Ein Buch, das erst einmal leicht daher kommt, deswegen aber dennoch eine gewisse Tiefe hat.”

 

Dabei ging es den Autorinnen keineswegs nur darum einen aktuellen Status-Quo zu erfassen oder ein weiteres Nachschlagewerk zu liefern, sondern vielmehr darum, die Variation hochwertiger Brands aufzuzeigen, die die Szene unlängst zu bieten hat: “Unsere Intention war es durchaus ein Modebuch zu machen. Ein Buch, das erst einmal leicht daher kommt, deswegen aber dennoch eine gewisse Tiefe hat,” so Magdalena. Neben hierzulande bereits bekannten Brands wie Isabelle de Hillerin, Folkdays, Lemlem oder Deepmello finden sich deswegen auch neue Namen wie Kow Tow aus Wellington/ Neuseeland, Reformation aus LA/ Kalifornien oder M.Patmos aus New York unter den gelisteten Modemarken. Ergänzt durch tiefgründige und aufschlussreiche Interviews mit Experten aus der Wirtschaft sowie Drahtziehern und Ambassadors der Bewegung, wie Orsola de Castro, Marie-Claire Daveu oder Lily Cole, geht das Buch damit weit über den Anspruch, ein rein dekoratives Modebuch zu sein, hinaus.

Im Gegenteil! Denn es stellt sich in der Auseinandersetzung vor allem dem Vorwurf des “Greenwashings“, dem sich die Bewegung seit jeher konfrontiert sieht. Es sei von Anfang an ihr Anliegen gewesen – darin sind sich die Autorinnen einig – nur Brands zu porträtieren, die eine gewisse Konsequenz an den Tag legen. Dass Vivienne Westwood als Leuchtturm der Szene trotzdem vier Seiten gewidmet worden, hat vor allem mit ihrer Schlüsselrolle als Privatperson und Wortführerin zu tun. Ihre Kollektionen, das betonen die beiden auch im Gespräch noch einmal ausdrücklich, seien noch fernab davon, nachhaltig zu sein. “Sie und ihr Tun sind natürlich ein zweischneidiges Schwert, das wissen wir, aber wir mussten sie aufgrund anderer nachvollziehbarer Gründe trotzdem mit reinnehmen.” Es gibt ohnehin nicht, den einen gültigen Fahrplan für nachhaltige Mode. Noch nicht! Während ihrer Recherchen sei es deswegen vor allem spannend gewesen zu sehen, wie jeder Designer trotz der selben Intentionen, eine völlig andere Arbeitsweise an den Tag legt. Um diese zu verstehen, war ihnen der persönliche Zugang besonders wichtig, der in einem, für die Autorinnen bewegenden, Interview mit Bruno Pieters gipfelte. Kongruent zu den gleichermaßen national wie international behandelten Marken und Experten soll es in naher Zukunft auch eine englische Fassung geben. Damit wäre ein weiterer Meilenstein der Bewegung geschaffen und wieder ein Schritt in die richtige Richtung getan. Auf dass wir irgendwann vielleicht nicht mehr unterscheiden müssen, zwischen “fair” und “kommerziell”.

Einen ersten Blick ins Buch gibt es in der unten stehende Galerie:

“Fashion Made Fair” ist erschienen im Prestel Verlag und hier erhältlich.

 Photo Credits: Stylemag

Stephie
Stephanie Johne lebt und arbeitet in Berlin. Wenn die studierte Kunsthistorikerin nicht gerade für STYLEMAG über Mode, Kultur, Musik und was sie sonst noch begeistert, schreibt, designt sie unter anderem ihren eigenen Schmuck für WOMAN.MADE. (Foto: Julia Zierer)

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