– 09.10.2015

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„Mit meinen Bildern will ich meine Gedanken über die Welt ausdrücken.“

 

Wolfgang Tillmans ist ein Gesellschaftsfotograf, doch entgegen einem August Sander liegt ihm deren reine Dokumentation vollkommen fern. Kein Stereotyp, sondern als in sich selbst vielseitiges Individuum steht der Mensch in Tillmans’ Fotografie als Teil einer Welt, einer Zeit, einer Subkultur, einer ganzen Generation da, zu der auch der 1968 in Remscheid geborene Fotograf selbst gehört. „Parallelität“ kennzeichnet auf diese Weise nicht nur den Blick auf den einzelnen Menschen, sondern Wolfgang Tillmans’ Fotografien der Sub- und Popkultur aus Bournemouth, London, Berlin, Hamburg und Co. wohnt auch die Parallelität der Ansprüche inne. Denn die Ästhetik, mit der er das Leben seiner Freunde, von Stars und Fremden festhält, ist ebenso sexuell oder spirituell geprägt wie politisch und gesamtgesellschaftlich ambitioniert.

Ich habe immer das Anliegen, mit meiner Sehweise hoffentlich andere Leute zu ermutigen, ihren Augen zu trauen und die Wahrheit oder das Leben zu ertragen. Man sollte selber in der Lage sein zu entscheiden, was hässlich und was schön ist, was akzeptabel ist und was nicht. Das ist vielleicht eine unterschwellige Grundaussage, die ich treffen will“, erklärt der Fotograf im Interview und führt dies zurzeit in New York visuell aus, wo in der Galerie David Zwirner noch bis zum 24. Oktober 2015 rund 100 aktuelle Arbeiten zu sehen sind. In einer für den Künstler so signifikanten Installation sind unter dem Titel „PCR“ an den Wänden sowie auf Tischen ausgewählte Fotografien ausgestellt, die einen Überblick über die wichtigsten Themen und Prozesse in Tillmans’ Ouevre geben: Hierfür koexistieren in der Galerie Aktivisten in New York, Berlin, Osaka, Santiago de Chile und St. Petersburg mit Einsichten in das Privatleben des Künstlers, mit architektonischen Details und Betrachtungen über die Zeit oder auch der Materialität des Papiers. Mit „Instrument“ werden die fotografischen Arbeiten um Tillmans’ neuestes Video ergänzt, das menschliche Schatten im Tanz zeigt. Neue Technologien, mit denen sich der Künstler seit seiner Serie „Neue Welt“ auseinandersetzt, sind wiederum in mehreren Werkgruppen präsent.

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Wolfgang Tillmans: Installation view from the 2015 solo exhibition PCR at David Zwirner, New York. Courtesy David Zwirner, New York.

So wie das Stilmittel der Serie dem Fotografen seit Beginn seiner Karriere gerade recht scheint, um jene seinen Motiven innewohnende Diversität wiederzugeben, beschäftigt sich der Turner-Preisträger von Beginn an und so auch bei David Zwirner ebenfalls mit der Präsentationsweise seiner Arbeit. Oftmals direkt an die Wände geklebt, führen seine in den Größen stark variierenden Arbeiten hier die Unmittelbarkeit von Wolfgang Tillmans’ Blick fort – das Ergebnis: eine in sich geschlossene Welt, in seiner Kunst wie in ihrem Erlebnis in der Galerie, in der Tillmans’ Interesse an Wissenschaft, Religion, Politik, Kunstproduktion und Vergnügen in einen intensiven Dialog verstrickt sind.

Wie ein subtiler narrativer Faden zieht sich diese Einheit trotz aller Vielfalt der Porträtierten und Motive durch das Werk. Ein Faden, eine Kettenreaktion, wie sie der Ausstellungstitel „PCR“ (kurz für: Polymerase-Kettenreaktion, eine Methode, bei der die Erbsubstanz DNA außerhalb eines lebenden Organismus’ für unter anderem das Erstellen und Überprüfen genetischer Fingerabdrücke, für das Klonieren von Genen oder auch für die Erkennung von Erbkrankheiten vervielfältigt wird) vorgibt. Mit einem einzelnen Bild, einem Motiv hinterlassen der Künstler und der Darsteller ihre Fingerabdrücke, die gleichermaßen Ausgangspunkt sowie das Produkt anderer Bilder sind. Diese „Faszination für die Unerklärlichkeit von Millionen von einzelnen kleinen menschlichen Handlungen, die letztlich die Oberfläche der Dinge gestalten“, ist es, die Tillmans’ Kunst zusammenhält, der Anspruch, ihnen eine, oder: seine eigenen Form zu erfinden, das Einzigartige seiner Fotografie.

 

Alle Zitate via FAZ, Interview mit Wolfgang Tilmans: „Wolfgang Tillmans: „Meine Definition lautet: Kunst ist nutzlos“ (01. Oktober 2010).

Wolfgang Tillmans: “PCR”, bis 24. Oktober 2015. Galerie David Zwirner, New York.

Erstes Bild: Wolfgang Tillmans: The Spectrum / Dagger, 2014. Color photograph. Courtesy David Zwirner, New York.

Teresa
Teresa ist freie Autorin für STYLEMAG und berichtet über ihre Highlights aus Kunst, Kultur, Musik, Mode sowie über sozial-gesellschaftliche Fragen.

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