– 30.03.2015

Stephanie Neumann: Berlin Pause.

Dass Stephanie Neumann gebürtige Berlinerin ist, lassen ihre Fotografien sofort erkennen – in der besten Art. Denn was sich nach einem Blick hinter den klischeebehafteten “Unfreundlichkeitsstempel” über die Direktheit der angestammten Berliner sagen lässt, das trifft ebenfalls auf Stephanie Neumanns Fotografie zu: Sie ist bodenständig, unmittelbar und neugierig, unkompliziert, schnörkellos und ehrlich mit einer Abneigung vor der aufwendigen Inszenierung. Könnten die Augen also genauso berlinern wie der Mund, Stephanie Neumanns täten es zweifellos. Ihre Fotografien erinnern zuweilen an ein längst vergangenes Berlin, jedoch ohne alle schwelgende Nostalgie, reisen vom brandenburgischen Drewitz nach Makeschkino in Russland oder spähen in die Wohnungs- sowie Arbeitsräume ihrer Mitmenschen. Ob hier, in Brandburg oder Russland, im öffentlichen oder privaten Raum, die Fotografin liebt den Menschen und den Moment. Den ersteren im richtigen des zweiten zu finden, das ist die Aufgabe, der sich Stephanie Neumann mit ihrer Kamera stellt.

Die Neugier lenkt die Fotografin nicht nur auf Wege quer durch Europa und insbesondere Berlin, sondern ebenfalls auf berufliche Erkundungstouren: Nach einer Ausbildung als Fotografin machte Stephanie Neumann ein Diplom in Digitalen Medien sowie einen Master an der FH Potsdam obendrauf und bringt die Fotografie dank eines Exkurs’ im Filmbereich hin und wieder ebenfalls in Bewegung. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin an der Universität der Künste Berlin sowie an der FH Potsdam lehrt sie zudem, wenn sie nicht gerade als freie Fotografin oder Interaction Designerin engagiert wird.

Soweit die Außensicht. Wie sich die Welt und die Fotografie aus Stephanie Neumanns Perspektive heraus erlebt, macht sie im Interview nachvollziehbar.

Durch die Augen von: Stephanie Neumann

 

Wo haben deine Augen das Licht der Welt erblickt?
Im Berliner Volkspark Friedrichshain.

Was hast du im Moment vor deinen Augen? 

Freunde-von-mir-Jonas-by-Stephanie-Neumann

Freunde von mir. Mit Freunden teile ich Erlebnisse, Erinnerungen, gemeinsame Zeit. Da das Erleben im Hier und Jetzt liegt, habe ich von Menschen, die mir am nächsten sind, kaum Bilder. Das wollte ich ändern und treffe mich nach und nach mit Freunden an einem Ort, der ihnen etwas bedeutet. Die so entstehende Porträtserie ist eine Hommage an meine Freunde.

Wann hast du angefangen, die Welt auch durch die Kamera wahrzunehmen und einzufangen?
Mit zwölf habe ich die Pentacon Electra von meinem Vater in die Hände bekommen und angefangen, mein Umfeld zu fotografieren. Dann die erste Spiegelreflex, Dunkelkammer und der ganze Zauber.

Wie unterscheidet sich dein Blick auf die Welt ohne und mit Kamera?
Bei beidem bin ich im Moment; der Blick unterscheidet sich nicht. Was sich unterscheidet, ist mein eigenes Erleben: Ohne Kamera erlebe ich direkt, mit Kamera indirekt.

Wie würdest du deine Fotografenperspektive beschreiben?
Die Fotografin Wiebke Loeper hat meinen Stil mal lakonisch genannt. Das trifft es wahrscheinlich.

Wie siehst du dich? 

Stephanie-Neumann-by-Astrid-Salomon

Bild: Astrid Salomon

Das Bild zeigt mich zur Ausbildungszeit mit Schapka, im damals schon uralten Mantel und mit Streichholzschachtel der Volksbühne im Auge. So laufe ich heute immer noch rum.

Was siehst du am liebsten? 

Abendrunde-by-Stephanie-Neumann

Momente, die charakteristisch für einen Menschen sind, einen Ort. Ein Schaf, das mit Nachbarn eine Abendrunde dreht. Das Bild ist 2011 in Makeschkino entstanden, einem kleinen russischen Dorf. In unregelmäßigen Abständen zieht es mich Richtung Osten. Es ist kein bestimmter Ort – mehr eine Atmosphäre.

Welches ist dir das liebste Bild, das du bislang aufgenommen hast?

Paul-by-Stephanie-Neumann_web

Als Paul in die Wohnung zieht, ist es die meiste Zeit schweinekalt. Stefan ist da; wir renovieren. Mit Funny van Dannen und „Roswitha“, der Unterhaltungsplattenmaschine. Wir entdecken die Wanne, die sich in der Küche unter’m Waschbecken hervorziehen lässt. Und dann ist da noch Silvester.
Paul lebt nicht mehr; müsste ich ihn in einem Bild beschreiben, wäre es dieses.

Deine erste Fotografie… 

Opa-by-Stephanie-Neumann

Opa mit den Affen, 1992; ich bin 12 Jahre.

Deine zuletzt aufgenommene Fotografie…

Herrengedeck-by-Stephanie-Neumann_web

Herrengedeck.

Wo finden wir deine Fotografien heute?
In meinen beiden Büchern “Da musste ich immer mal hin” (2012) und “Abschied, Rauch und Würstchen” (2014).
Auf meiner Website, Instagram @werkstadt und Twitter @werkstadt.

Klickt euch hier durch ausgewählte Arbeiten aus dem Portfolio von Stephanie Neumann:


Über die Serie „Durch die Augen von“:
 Im Kontext der Fotografie wird der Augenblick zum doppelsinnigen Bezugspunkt. Vermag die Fotografie, im Gegensatz zum Film, immer „nur“ einen Moment, einen Augenblick, einzufangen, so markiert der fotografische Augenblick zugleich auch seine Entstehungsbedingungen. Nicht die eigenen Augen bestimmen die Perspektive, sondern der Betrachter nimmt unweigerlich die Position ein, die das neugierige, zielsichere Augen des Fotografen für ihn (und sich) wählte. Ein Bild wird zum Zeugnis seines Schöpfers, eines Fotografen, der seiner Sicht auf die Umwelt visuell Ausdruck verleiht. Die Serie „Durch die Augen von“ macht sich diese Ambiguität zunutze, um in die Arbeit ausgewählter Kreativer einzuführen.

Alle Folgen von „Durch die Augen von“ sind hier um Überblick zu finden.

Alle Fotos: Stephanie Neumann.

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

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