– 27.02.2015

Ijen#04

Gelbe Nebelschwaden trüben die Sicht, verschleiern sie zuweilen vollkommen. Der Hamburger Fotograf Kevin McElvaney hat einen schlechten Tag erwischt, doch er harrt dennoch in dem indonesischen Vulkan Kawah Ijen aus, um die Schwefelarbeiter bei ihrem Werk zu dokumentieren. Tatsächlich soll er später eine beeindruckende Serie von Fotografien in seinem Gepäck haben, als er in die Hansestadt zurückkehrt. Zuvor war McElvaney, der 1987 in Norddeutschland geboren wurde, bereits auf der Elektromülldeponie Agbogbloshie in Ghana, im Westjordanland, in Antwerpen, in den Townships von Kapstadt und natürlich in seiner Wahlheimat Hamburg selbst greift er immer wieder zur Kamera. Dabei sucht McElvaneys Kamera immer eines: den Menschen. Mit Menschen hat die Karriere des Autodidakten begonnen, sie führen ihn auf immer neue Reisen; sie geben seinen Geschichten und Zielen buchstäblich ein Gesicht und erzählen mehr als es je ein Gegenstand könnte.

Fest steht: Von dem Hamburger Jung-Talent Kevin McElvaney wird man in Zukunft noch einiges hören und sehen und schon jetzt waren seine Arbeiten unter anderem bei The Guardian, Daily Mail, FOX News, Al Jazeera, DAZED, Stern, Süddeutsche Online sowie ZEIT Online zu sehen. Bevor Kevin McElvaney in der kommenden Woche einen Monat lang die Stylemag-Serie „Fotografie und Wirklichkeit“ übernehmen wird, stellt Teresa Köster den Fotografen im Interview näher vor.

Im Jahr 2010 ist deine erste umfassende Reiseserie in den Townships von Kapstadt entstanden. Du warst damals eigentlich in der Stadt, um im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft in einem Stadion die Logistik zu koordinieren, hast von der Reise aber ebenfalls zahlreiche Fotostrecken mitgebracht. Hat dich der Fußball gewissermaßen zur (dokumentarischen) Fotografie gebracht?
Kevin McElvaney: Diese Reise hat den entscheidenden Impuls gegeben und bis dato meinen Stil geprägt, ja. Ich bin eigentlich mit der Kamera in der Hand in diese neue Welt hineingestolpert und fand es auf einmal spannend und logisch meine Umwelt in Bildern festzuhalten.
Ich frage mich seither oft, ob „dieser eine ferne Ort“ echt so ist, wie er scheint, versuche alles über ihn herauszufinden und wenn ich denke, dass man “das” auch anders zeigen kann oder muss, dann packe ich meine Sachen.

„Für mich kann ein Bild viel schneller eine Geschichte erzählen als ein Text […].“

 

Als du vor fünf Jahren begonnen hast, zu fotografieren, hast du noch BWL studiert. Du bist Autodidakt und arbeitest seit zwei Jahren professionell als Fotograf. Was kann die Fotografie, was beispielsweise Stifte oder Worte nicht können?
Kevin McElvaney: Ich bin beim Fotografieren wesentlich konzentrierter und ruhiger (im Kopf) als bei vielen anderen Dingen. Für mich kann ein Bild viel schneller eine Geschichte erzählen als ein Text und es bleibt zudem länger im Kopf. Bilder kann ich mir merken, Sprüche und/ oder Geschichten jedoch nur wenige.

Inwieweit prägt sie auch deinen persönlichen Blick?
Kevin McElvaney: Man nimmt die Umgebung bewusster wahr. Ich kann mich erinnern, dass ich zu Beginn meiner fotografischen Phase Hamburg mit meiner Kamera in der Hand ein zweites Mal kennengelernt habe. Auf einmal sind mir Details aufgefallen, weil ich sie finden wollte und dann habe ich sie auch manchmal bewusst mitgenommen. Heutzutage lasse ich jedoch auch öfter die Kamera bewusst zu Hause, denn ich will das nur einmal so und ungestört genießen können. Das kam aber ehrlich gesagt erst mit diesem ganzen Instagram- und Look-at-me-Zeug. Ich fand es störend, wenn man sich gerade freut und irgendwer aufstand, um ein Bild zu machen und am Besten noch sagte: “Guck’ mal her und mach mal jetzt so”. Aber manchmal ärgert man sich natürlich auch.
Irgendwie hat die Kamera in der Tasche also auch sein Gutes. Mit einer Kamera in der Hand ist es einfacher und nachvollziehbarer, wenn man jemanden direkt anspricht. Das kann also die Freiheit vergrößern.

Fotografie ist für dich…
Kevin McElvaney: Multilingual, subjektiv und schön.

„Wenn jemand direkt in deine Linse blickt, hat er auf einem anderen Level akzeptiert, dass du ihn fotografierst und vor allem in dokumentarischen Bildern, macht das für mich einen entscheidenden Unterschied: die Person ist nicht mehr ein Beispiel oder Objekt für Armut, Leid, Stärke oder Freude, sondern ein Subjekt.“

 

Deine Porträts aus den Townships von Kapstadt, von Hasidic-Juden in Antwerpen, von Kindern und Männern im Westjordanland, von den Schrottsammlern auf der Elektromülldeponie Agbogbloshie in Ghana und zuletzt der Arbeiter in einer Schwefelmine in dem indonesischen Vulkan Kawah Ijen, aber ebenso deine Bilder von Musikern zeigen immer eines: Menschen. Was macht sie als Motiv so spannend für dich?
Kevin McElvaney: Ich fühle mich oft verloren, wenn kein Mensch im Bild ist und man mit niemandem kommunizieren kann. Detail- oder Szenerieaufnahmen habe ich zwar zu Beginn oft gemacht, doch irgendwann wurde mir das zu flach. Dann habe ich mich gezwungen und getraut, Menschen direkt anzusprechen.

Viele meiner Bilder haben einen direkten Augenkontakt und das finde ich auch bei dokumentarischen Bildern wichtig. Ich bin nicht der unsichtbare Beobachter, sondern gerne mittendrin und das soll man auch sehen. Wenn jemand direkt in deine Linse blickt, hat er auf einem anderen Level akzeptiert, dass du ihn fotografierst und vor allem in dokumentarischen Bildern, macht das für mich einen entscheidenden Unterschied: Die Person ist nicht mehr ein Beispiel oder Objekt für Armut, Leid, Stärke oder Freude, sondern ein Subjekt. Dieser eine Mensch erzählt dir etwas und lässt dich das dokumentieren.

„Ich glaube, ich habe fast alles gelesen und gesehen, was es über die Orte gibt, bevor ich starte. Manchmal zwar nur flüchtig, doch absolut neu waren meine Ziele bis dato ja nicht. Ich bereite mich also so gut wie möglich vor, doch improvisieren muss man zuletzt immer.“

 

Welches Anliegen dominiert bei deinen dokumentarischen Fotoprojekten: das soziale, politische oder das visuell-ästhetische?
Kevin McElvaney: Die Dokumentarfotografie ermöglicht so vieles: Die Bilder können nicht nur schön sein, sondern auch aufklären und Augen öffnen. Der erste Impuls geht immer von einer Bildidee aus – also visuell-ästhetisch. Wenn dann noch Themen wie Gesellschaft, Umwelt, Politik oder Wirtschaft hinzukommen, wird es spannender und wichtiger, das zu fotografieren.
Bei der Agbogbloshie-Strecke hatte ich beispielsweise erstmal diese apokalyptische und zugleich irgendwie schöne Szenerie im Kopf und musste da nur noch den Menschen hineinbekommen. Sobald man recherchiert, merkt man jedoch, dass sich noch so viel mehr dahinter verbirgt. Man realisiert, welche absurden Mechanismen dort ineinandergreifen. Mir wurde dann klar, dass man das auch aus politischen, umwelttechnischen, sozio-ökonomischen und ethischen Gründen fotografieren muss.
Aber natürlich bin ich auch erst auf dieses Thema gestoßen, da mich solche Themen generell interessieren… Es ist also schwierig eindeutig zu sagen, wo der endscheidende Entschluss herkommt und was das Anliegen gefestigt hat. Am Ende muss das Bild schön und ehrlich sein; auch der Akteur soll sich wiederfinden können. Je mehr Komponenten zu dem eigentlichen Bild hinzukommen, desto besser.

Inwieweit spielen künstlerische Anliegen bei dir eine Rolle im Verhältnis zu einem rein abbildenden Ansatz?
Kevin McElvaney: Ich habe viele E-Mails zu der Agbobloshie-Strecke bekommen, die mir deutlich gemacht haben, dass dieser direkte Augenkontakt die Leute gefangen hat und die Farbe, Bildaufbau und Komposition im Bild überraschend für sie waren. Bei einem „normalen“ Armutsbild hätten sie wohl weggeschaut.
Wenige haben mir jedoch “poverty porn” vorgeworfen, also meinten, dass ich das Leid zu schön darstelle und dies dann am Schluss zu “sexy” herüberkommt. Die Meinung kann man nachvollziehen, kann ich jedoch nicht verstehen. Ich finde es eher pervers, wenn man arme Menschen arm darstellen muss, denn damit geht auch oftmals die Würde, Besonderheit und Humanität verloren. Jeder hat das Recht, auf einem Bild schön auszusehen.

„Ich finde es eher pervers, wenn man arme Menschen arm darstellen muss, denn damit geht auch oftmals die Würde, Besonderheit und Humanität verloren.“

 

Insofern finde ich auch in der Dokumentarfotografie künstlerische Ansätze nicht falsch, sofern das möglich ist. Man kann meiner Meinung nach erst richtig künstlerisch werden und den erzählerischen Aspekt weglassen, wenn die Geschichte bereits bekannt ist. Sonst wird der Kontext nicht greifbar. Außerdem, so glaube ich, eröffnet dies vielen Leuten da draußen die Möglichkeit, sich mit schwierigen Themen (oftmals in der Dokumentation) zu beschäftigen und hinzuschauen.

„Ich finde, dass man alles fotografieren soll, was man sieht, denn das, was passiert muss man sehen.“

 

Robert Frank hat einmal gesagt: „Heute kann man alles fotografieren.“ Die dokumentarische Fotografie gelangt hier zuweilen an ihre moralischen Grenzen, wenn es etwa in die Kriegsfotografie geht. Stimmst du Robert Frank dennoch zu oder wo ziehst du deine fotografischen Grenzen?
Kevin McElvaney: Ich finde, dass man alles fotografieren soll, was man sieht, denn das, was passiert muss man sehen. Ein hartes Beispiel hierfür ist die ISIS. Die zeigen im Gegensatz zu vielen bisherigen Regimen ja bewusst ihre Brutalität und nutzen dies als erschreckendes Mittel. Doch schon zuvor hat es immer wieder ähnliche Taten gegeben, man hat allerdings weggeschaut, es nicht gemerkt oder nicht gesehen. Was wäre also, wenn wir das nicht wüssten?! Ich finde, dass Unwissenheit viel erschreckender ist und auch hier stellt sich die Frage: „Wie soll man sowas denn in Worte fassen?” oder “Würde man Worte glauben können?”.
Ein emotionaleres Beispiel ist mir kürzlich in einer Strecke aufgefallen, bei dem eine Tochter den Sterbeprozess ihrer Mutter begleitet und fotografiert hat. Da kann man schnell sagen, dass man so etwas doch nicht fotografieren kann und soll, doch mit Abstand und am Ende ist das doch etwas sehr Wertvolles.
Ich bin bislang noch nicht an meine Grenzen gekommen und würde mir wünschen, dass ich nicht diese Grenzen finde, doch das ist leicht gesagt. Wahrscheinlich sind die schlimmsten Fehler nur jene, die man nicht gemacht hat. Lernen kann man immer.

„Geschichte wiederholt sich immer wieder und Fotografien sind ein gutes Zeitzeugnis, auch im privaten Umfeld.“

 

Was kann die Fotografie auf diesem Gebiet also leisten?
Kevin McElvaney: (Alte) Bilder können oftmals besser reflektieren als einige Passagen zu rezitieren oder isolierte Aussagen zu nennen. “Alte Nachrichten” erinnern zum Beispiel noch ein Jahr später daran, dass vor Kurzem noch Ebola das Weltgeschehen beherrscht hat oder auch, in Zeiten von Pegida, dass Extremismus keine Option ist. Geschichte wiederholt sich immer wieder und Fotografien sind ein gutes Zeitzeugnis, auch im privaten Umfeld.

Von der Vergangenheit ein Blick in die Zukunft: Wohin wird dich deine nächste Reise führen? An welchen Projekten arbeitest du gerade?
Kevin McElvaney: Ich wähle die Ziele nicht bewusst aus, sondern oft entstehen meine Fotoideen durch fast absurde Verknüpfungen in meinem Kopf. Ein aktuelles Beispiel: Ich habe die Strecke von einem Werbefotografen gesehen, wie er kostümierte Leute fotografiert hat und vor drei Jahren war ich zufällig in Israel, als das Purim Fest war. Hierbei sind orthodoxe Juden volltrunken durch die Straßen in Jerusalem gelaufen, doch damals wusste ich nicht, wie ich sie fotografieren soll, hätte es aber gern getan. Seither habe ich wohl unbewusst nach der Idee gesucht. Jetzt werde ich im März erneut zu diesem Fest nach Israel reisen und das mit der Lichtidee eines Werbefotografen kombinieren. Das ist einerseits komisch, da sehr unterschiedlich, aber auch irgendwie logisch. Andere Themen kommen immer zur richtigen Saison wieder auf die Agenda. In Afrika muss ich beispielsweise nicht im Hochsommer umherlaufen und fotografieren.
Ich habe erst kürzlich ebenfalls neue Themen in meinem eigenen Umfeld gefunden, die ich gerne fotografieren möchte. Eines davon ist das Thema Flüchtlingsbewegung/ Zuwanderung/Asyl. Da geht in Hamburg ja recht viel ab und das wird auch erstmal so bleiben. Mit der Loved & Found habe ich dazu bereits mal was fotografiert. Ein weiteres Thema ist noch nicht spruchreif.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute für die Zukunft, Kevin!

Kevin McElvaneys Arbeiten findet ihr auf seiner Website sowie auf Facebook und Instagram.

Alle Fotos: Kevin McElvaney.

Teresa
Teresa ist freie Autorin für STYLEMAG und berichtet über ihre Highlights aus Kunst, Kultur, Musik, Mode sowie über sozial-gesellschaftliche Fragen.

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