– 10.02.2014

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In einem Hinterhof in der Anklamer Straße hat sich Julia Benz eingerichtet: großformatige Leinwände neben Pinselsammlungen und Kistchen angefüllt mit Prints; ein großer Raum voller Tische, Malutensilien und Arbeit; Ordnung durchmischt mit einer Portion kreativem Chaos und mitten in dem gemütlichen Gemeinschaftsstudio: die junge Malerin aus der Eifel, die nach Stopps in Köln und Düsseldorf seit zwei Jahren in Berlin gelandet ist. Wild und doch wohl strukturiert sind auch ihre Arbeiten: spontan, gestisch, aber nie ziellos. Eine klare Liebeserklärung an die Kraft der Farben, an die Natur, deren Bestandteile sich so eng ineinander verweben können, dass sie zwischen Figurativem und Abstraktem pendeln. Ihre Zeichnungen hingegen sprechen eine andere Sprache. Geordnet ist der sonst so ungestüme Strich der Hand; oft arbeitet Julia Benz auch ganz ohne Farbe. Ob farbig oder gedeckt, Julia Benz’ Arbeiten sind seit ihrer Ausstellung „Everything Amazing – Nobody Happy” bei Urban Spree im Gedächtnis geblieben. Stylemag hat der Wahl-Berlinerin, die sich derzeit in dem immer noch männlich dominierten künstlerischen Terrain der Malerei ihren eigenen Platz am behaupten ist, einen Besuch abgestattet.

Zur Kunst hat Julia Benz über Umwege gefunden: Am Ende ihres Lehramtsstudiums (Kunsterziehung, Textilgestaltung und Grundlagen-Mathematik) an der Universität zu Köln musste sie plötzlich selbst malen. Für das, dem sie zunächst mit Furcht entgegensah, erhielt sie von ihren dortigen Dozenten so viel Zuspruch, dass sie beschloss, sich an der Kunstakademie in Düsseldorf zu bewerben. Mit Erfolg, denn von 2010 bis 2012 studierte sie dort Malerei, siedelte vor zwei Jahren dann jedoch nach Berlin über.

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Innerhalb dieser Jahre hat Julia Benz eine sehr eigene Handschrift entwickelt. Die Idee des Figurativen findet sich in angedeuteten Umrissen; Abstraktion ist das höchste Ziel, doch eine solche, die auf indirekte Art zu erzählen vermag. Wenn die quirlige Künstlerin am Malen ist, überlagern sich die Schichten, werden Flächen weitergeführt, ergänzt oder vollkommen überdeckt, je nachdem, wie sich die Formen und Farben miteinander entwickeln. Denn keine strikte Vorab-Konzeption oder -Komposition, sondern ein tiefes Vertrauen in den Prozess prägt ihre Arbeit, wie sie schon in den ersten Minuten betont und dabei beweist, dass sie ihr eigenes Manifest der Malerei nicht nur bereits längst in ihrem Kopf ausformuliert hat, sondern ebenso konsequent praktiziert:

Für mich ist die Freiheit wichtig, die mir die Fläche der Leinwand und meine Farben geben. Die Möglichkeiten, die ich dadurch habe, faszinieren mich und die Chance, darauf zu reagieren. Das Erzählerische kommt dann von ganz alleine im Malprozess, aber Malen heißt für mich erst einmal, Farbe nach einem bestimmten System oder Art und Weise auf Leinwand zu bringen. Zu Beginn gibt es manchmal auch Zustände, die furchtbar aussehen, weil ich immer zuerst ein abstraktes, buntes Chaos schaffe, in das ich im Anschluss wieder Ordnung hineinbringe. Von da aus können dann auch Welten entstehen.

Für jene Welten sucht sie derzeit vor allem in der Natur nach dem Mystischen; diese assoziieren, deuten in der Abstraktion an, statt deren einzelne Bestandteile naturalistisch wiederzugeben. Julia Benz’ Ziel ist es dabei, in der Abstraktion Atmosphären zu erschaffen: „Ich mag die Idee, etwas zu erzählen, ohne viel zu sagen“. Ein Baum etwa kann in der Vorstellung auf vielerlei Arten entstehen – als naturgetreues Abbild des Vorbildes oder aber auch anhand von Andeutungen, die nur so weit gehen, dass Auge und Kopf Einordnungen zu vernehmen mögen.

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Wenn nicht die Strenge einer realistisch porträtierenden Linie dem menschlichen Auge vorführt, was es aufnehmen soll, sondern dem Betrachter weit mehr abstrakte Vorstellungskraft abverlangt, dann geschieht dies bei Julia Benz vor allem mittels der Farbe. Die Farbe ist bei ihr, ähnlich wie bei Monet und anderen Impressionisten, aber auch den Expressionisten, alles: „Farbe ist nicht immer schön. Farbe kann auch aggressiv, ein Gegner sein. Dagegen kämpfe ich und damit entwickele ich meine Arbeiten.“ Neongelb und Rot brennen sich da schon mal auf großen Formaten in die Betrachteraugen ein, während satte Grüntöne ihren mystischen Wäldern blühendes Leben einhauchen.

Wie intensive Welten dabei entstehen können, bewies zuletzt das Triptychon Everything Amazing – Nobody Happybei ihrer gleichnamigen Einzelausstellung bei Urban Spree im vergangenen Dezember. Auf insgesamt 2,40 x 6 Metern mischen sich in den Urwald mit seinem mannigfaltigen Gewächs nicht nur unzählige Farben, sondern auch Formen: Florale Motive werden mal streng umrissen, dann wieder durch Farben mehr angedeutet denn durch ihre Konturen, um anschließend mit klar gezeichneten Geometrien den Leinwanduntergrund zu teilen.

Gegensätze kennzeichnen also das letztendliche Ergebnis, aber auch Julia Benz’ Inspirationsquellen. Während ihr letzter Ausstellungsort, der Kreativspace Urban Spree in Berlin-Friedrichshain, für sie eine der wichtigsten Anlaufstellen und ein Melting Pot für den Austausch mit Urban Artists ist, kommt aus der UdK, wo sie derzeit weiterhin Malerei studiert, der klassische Einfluss. Wer hier eine innerliche Zerrissenheit befürchtet, wird eines Besseren belehrt, denn Julia Benz gelingt es, beide Felder zu einer harmonischen Synthese zusammenzuführen.

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Ihre Titel hingegen laden oft zu einem Schmunzeln ein und sind gewitzte Verweise auf Musiktitel, zufällige Assoziationen oder aber auf den amerikanischen Comedian Louis C.K. Dieser nämlich lieferte mit einem gleichnamigen Sketch die Vorlage für ihren Ausstellungs- und Werktitel „Everything Amazing – Nobody Happy” – alles ist super aufregend, aber keiner ist glücklich. Absichtlich offen gelassen, bieten sich hier unzählige Interpretationsmöglichkeiten; „amazing“ ist die Künstlerexistenz etwa, aber ihrer Härte wegen ist kaum einer vollends glücklich.

Und Julia Benz? „Ich selbst bin glücklich. Ich habe trotz aller alttäglichen Sorgen eine unglaublich große Freiheit und kann selbst entscheiden, was ich mache, was ich male, wie ich arbeite. Trotzdem ist Malen an sich anstrengend und zwischenzeitlich auch mal ätzend, denn die Entstehung eines Bildes ist auch immer eine harte Auseinandersetzung.“

Wie langwierig und intensiv jene Auseinandersetzung tatsächlich ist, dokumentiert ein bald erscheinender Kurzfilm, der in Zusammenarbeit mit Editude Pictures im Rahmen ihrer Soloausstellung gedreht wurde. Wer ihr Schaffen in der Zwischenzeit weiter verfolgen möchte, bekommt auf ihrer Website, ihrer Fanpage und ihrem Instagram-Account regelmäßige Updates. Ausgewählte Werke von Julia Benz gibt es außerdem in ihrem hauseigenen Onlineshop zu kaufen.

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Alle Fotos: Teresa Köster für stylemag.

 

Teresa
Teresa ist freie Autorin für STYLEMAG und berichtet über ihre Highlights aus Kunst, Kultur, Musik, Mode sowie über sozial-gesellschaftliche Fragen.

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