– 22.01.2014

Marco Grassi_Ceramica - 2:C.C.B. (Detail)_2014_ceramic painted with oxides and under transparent leag glaze_Ø55cm x 7cm_Courtesy of Circle Culture Gallery_photo_Marco Grassi

Seine Kunst hat längst den Weg von der Straße in die Ausstellungsräume angetreten: Marco Pho Grassi, seines Zeichens italienischer Künstler, der wie so viele seiner Mitstreiter auf der Straße begann, um sich in die internationalen Galerieräume zu beamen – in der vergangenen Show „POTSE 68“ im wahrsten Sinne des Wortes. Seinen Wurzeln bleibt er jedoch immer noch treu und so zeugen auch seine neuen Arbeiten, die ab dem 01. Februar 2014 unter dem Titel [Plù-ri-mo] in der Hamburger Dependance der Circle Culture Gallery zu sehen sein werden, davon, wo er seine Kunst erlernt hat. So sehr seit einiger Zeit zwar auch die Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte ihre Spuren in seinem Werk hinterlässt, Marco Pho Grassis Oberflächen assoziieren verwaschene, marode Betonwände, deren tiefe Risse und Zeichen der Witterung auf Grassis Untergründen zu abstrakten Farbflächen werden; einer Assemblage gleich und doch eindimensional, inmitten der cleanen Ausstellungswände ein Stück Geschichte des Künstlers, aber auch der Menschheit und ihres Lebensraumes, der am Ende doch immer der Natur unterliegt.

Dieses „Mehr“ seiner Arbeiten, das Grassis Hamburger Soloshow im Titel ankündigt, greift mannigfaltige Bezüge und Verweise auf – auf die Anfänge des einstigen Street Artist ebenso wie auf die Entwicklung zu einem Urban Artist, der mit dem Eingang in den Ausstellungsraum nicht nur ein Stück weit kommerzielle Etablierung zulässt, sondern auf den anhaltenden Hype um Street Art mit einer Zuwendung zu der Geschichte der Kunst sowie ihren großen Künstlern wie den Dadaisten Marcel Duchamp oder Man Ray beantwortet. Zugleich wird [Plù-ri-mo] zur Werkübersicht, wenn Marco Pho Grassi eine Auswahl seiner medienübergreifenden, materialkombinierenden Werke präsentiert, die trotz ihrer Vielfalt immer miteinander verbunden bleiben.

Neben neuen Papierarbeiten (“Monotypes”) zeigt Grassi in [Plù-ri-mo] auch eine Auswahl von Keramiken, für die er seit 2005 mit dem bekannten Töpfer Marco Tortarolo kooperiert. Einerseits mit seinen imperfekten Formen und sich scheinbar willkürlich entwickelter Färbung auf die lange Geschichte der uralten Handwerkskunst verweisend, andererseits das Gestische seiner übrigen Kunst auf die Keramik übertragend, geht Grassi auf diese Weise noch einen Schritt weiter gen Vergangenheit menschlicher Kultur, nachdem sich seine Arbeiten in der Gruppenschau „POTSE 68“ noch konkret auf Marcel Duchamp beriefen.

marco grassi_2Grassi gibt in seinem Album “Rayographie S/0” einen Einblick in die Arbeiten aus der Serie “Le Grand Verre”.

In die zwanziger Jahren wiederum geht es bei den neuen Arbeiten aus der Serie „Le Grand Verre“, für die sich Marco Pho Grassi der Rayografie bedient und sich damit in eine lange Tradition künstlerischer Experimentierfreude reiht: Von Man Ray um 1922 entwickelt, erzeugt auch der Mailänder Künstler in Zusammenarbeit mit Matteo Bologna eine Serie von Rayografien, die allein ihrer Entstehung wegen (fotografische Bilder entstehen ohne Kamera, indem Umrisse und Schatten der auf eine lichtempfindliche Platte bzw. lichtempfindliches Papier gelegten Objekte Schwarz-Weiß-Bilder erzeugen) auf die Collage sowie ihre materialeigenen Charakteristika referieren, auf das Licht und dessen Wirkung, haben erstere doch erst durch den Dialog ihre unweigerlichen Spuren auf dem Untergrund hinterlassen.

Noch expliziter wird die Arbeit mit (Alltags-)Objekten in Grassis Serie „Wall“, die – abermals ganz im Sinne der Dada-Kunst – gefundene Objekte und Trümmer aus dem urbanen Raum kurzerhand in die Untergründe seiner Arbeiten verwandelt, um auf ihnen seine expressiv-abstrakten Spuren zu hinterlassen. So sehr jedes Medium die Ästhetik des italienischen Künstlers variiert, ihnen allen gemein ist eines: Marco Pho Grassis Neugierde, die Offenheit für neue Einflüsse, seien sie künstlerischer, handwerklicher oder alltäglicher Natur, denn mit dem richtigen wachen, kreativen Auge zählt zuletzt nicht mehr Herkunft oder Medium, sondern einzig das Zusammenspiel, aus dem neue Objekte hervorgehen, die alles in sich bergen – Gegenwart und Vergangenheit, ihre individuellen Geschichten und zukünftigen Interpretationsflächen, ihre eigenen Charakteristika als auch ihre Kraft und Besonderheiten, die erst aus dem Dialog entstehen.

marco grassi_1Preview auf der Fanpage von Marco Pho Grassi

Marco Pho Grassi aka Pho: [PLÙ-RI-MO], 01. Februar bis 14. März 2014, Circle Culture Gallery Hamburg. Führung durch die Ausstellung mit dem Künstler, 31. Januar, 18-19 Uhr. Eröffnung ab 19.30 Uhr. Anmeldung für beide Events notwendig – mehr Infos hier.

Coverbild via Fanpage: Marco Pho Grassi, MONOTYPE, work in progress / private collection Lahore – Pakistan. Bilder “Ceramica”, Ceramic painted with oxides and under transparent leag glaze. Courtesy of Circle Culture Gallery. Photo: Marco Grassi.

Teresa
Teresa ist freie Autorin für STYLEMAG und berichtet über ihre Highlights aus Kunst, Kultur, Musik, Mode sowie über sozial-gesellschaftliche Fragen.

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