– 15.02.2012

Kleine Mosaikquadrate reihen sich auf Augenhöhe aneinander, leuchten selbst im winterlichen Licht in ihren kräftigsten Tönen, verbinden sich zu einer einzigen, über 200 Meter langen Linie, die sich so lange fortsetzt bis sie einmal die komplette Neue Nationalgalerie eingefasst hat. Ein bunt schimmerndes Panorama aus in der Sonne reflektierenden Quadraten löst schon vor dem Betreten des umrahmten Rechtecks ein, was der Titel der umfassenden Retrospektive Gerhard Richters verspricht. Nach ihrem Besuch kann man jedoch ebenso sicher sein: Nicht nur einen Rund-, sondern auch einen umfassenden Überblick bietet die Schau „Gerhard Richter: Panorama“, die nach ihrem Debüt in London nun die gläserne Architektur Mies van der Rohes bespielt.

Anlässlich seines 80. Geburtstages, den der bekannteste deutsche Künstler unserer Zeit in der letzten Woche feierte, zeigt die Neue Nationalgalerie in Zusammenarbeit mit der Tate Modern in London und dem Pariser Centre Pompidou etwa 140 Gemälde und 5 Skulpturen aus dem facettenreichen Werk Gerhard Richters. Wer sich in die lange Schlange wagt, dem präsentiert Richter bereits während der Wartezeit ein exklusives Werk, das als erstmals hier umgesetzte Version I der Arbeit “4.900 Farben“ im Dialog mit seinen Betrachtern für die Außenstehenden ein unerwartet eigenständiges Bild hinter der Glasscheibe ergibt und das auf die beiden zentralen Darstellungsweisen im Schaffen des Künstlers verweist: die Abstraktion und die Figuration.

Was die Besucher im Inneren erwartet, ist ein eindrucksvoller, von Richter selbst konzeptionell begleiteter Einblick in das malerische und plastische Können eines Künstlers, der sich noch nie auf einen einzigen Stil festlegen ließ. Entgegen der Londoner Ausstellung verfolgt die Berliner Schau einen weitestgehend chronologischen Aufbau, sodass Abstraktion und Figuration, Farben und Schwarz-Weiß, Ikonen und nahezu Unbekannte gleichberechtigt nebeneinander erscheinen. Gerade ihre zeitliche wie räumliche Nähe macht deutlich, wie intensiv sich Richter seit Beginn seiner Karriere mit beiden Malweisen auseinandergesetzt hat, um die Grenzen des Mediums immer wieder aufs Neue auszuloten, zu befragen und sie zuletzt zu überschreiten.

So finden sich in „Gerhard Richter: Panorama“ etwa berühmte Abstraktionen neben Porträts und Stillleben wie seine die Treppe herabsteigende Frau “Ema” von 1966 oder die zwei Bildnisse seiner Tochter “Betty” (1977 und 1988), ebenso wie seine vielmotivischen Abmalungen von Menschen, Stillleben, Landschaften oder Zeitungsausschnitten wieder. „Tiger“(1965), „Jugendbildnis“(1988) sowie die Nummer 1 seines Werkverzeichnisses, “Tisch“, sind nur wenige Bespiele für diese lang anhaltende Schaffensperiode, die zumeist ganz in Schwarz, Weiß und Grau gehaltene fotorealistische und zugleich verschwommene Gemälde hervorbrachte.

Neben den zahlreichen kanonisch gewordenen Bildern präsentieren sich hier jedoch ebenso selten oder noch nie gezeigte Arbeiten. Für ganze Schaffensphasen oder Zyklen exemplarische Werke werden so mit solchen kombiniert, die Ausnahmen, Experimente oder Vorreiter für spätere Intensivierungen im Oeuvre Gerhard Richters darstellen. Fünf Skulpturen aus variierten Gläsern haben beispielsweise Eingang in die Retrospektive gefunden, um auf einen wichtigen künstlerischen Einfluss zu verweisen, den „Ema“ bereits andeutet: Zusätzlich zu ihrer offenkundigen Hommage an Duchamps “Akt, eine Treppe herabsteigend” (1912) assoziieren die gezeigten Glasinstallationen von Gerhard Richter ähnliche Experimente des französischen Künstlers. Als Fläche, Fenster und halbreflektierender Spiegel zugleich kehren sie außerdem zum Mosaikrahmen der Ausstellung zurück und integrieren den Betrachter, indem sie ein immer wieder wechselndes, verschwommenes Gruppen- oder Einzel-Porträt der Passanten im Stil seiner Abmalungen produzieren.

Parallel zu „Gerhard Richter: Panorama“ ergänzt der me Collectors Room die Ausstellung der Gemälde und Plastiken des Künstlers um eine Auswahl aus seinen immer beliebter werdenden Editionen aus der Olbricht Collection, die als weltweit wohl einzige Privatsammlung annähernd alle Editionen Gerhard Richters von 1965 bis 2011 umfasst.

“Gerhard Richter: Panorama”, 12. Februar bis 13. Mai 2012, Neue Nationalgalerie.

www.neue-nationalgalerie.de

“Gerhard Richter – Editionen 1965-2011″, 12. Februar bis 13. Mai 2012, me Collectors Room.

www.me-berlin.com


Text und Bilder: Teresa Köster

Tags:

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>