– 10.02.2012

Ein künstlerisches Werk nicht mit seinem Schöpfer gleichsetzen, seine (Be-)Deutungen nicht aus dessen Leben herzuleiten, sondern als eigenständige Produktion anzusehen, das gilt als eine der Grundregeln einer fundierten Analyse und Interpretation – und doch, es gibt sie immer wieder, diese Kunstwerke oder ganze Oeuvre, die scheinen so eng mit ihren Urhebern verquickt, dass eine gänzlich von der jeweiligen Biographie losgelöste Lesart unvollständig erscheint. Francesca Woodman zählt zweifellos in letztere Kategorie von Künstlern. Der Fotografin und Videokünstlerin, die sich im Alter von 22 Jahren das Leben nahm, widmet das New Yorker Solomon R. Guggenheim Museum vom 16. März an eine vielversprechende Schau, die einen umfassenden Einblick in Woodmans künstlerisches Experimentieren mit dem eigenen Körper geben wird.

In Francesca Woodmans Fotografien verschwindet ihr Körper, verblasst, wird überlagert, bedeckt, maskiert, enthüllt, entpersonalisiert, dem Auge des Betrachters entzogen und doch wieder seinem voyeuristischen Blick freigegeben. Wie in einer fremden Welt aus Ruinen, bröckelndem Putz und Wäldern nähert sich ihr eigener Leib, der stets der zentrale Austragungsort aller Experimente ist, in seiner Nacktheit dem menschlichen Ursprung an oder nimmt animalische Züge an. Dann wieder suggeriert er Verletzlichkeit, wenn sich die junge Frau vollkommen entkleidet an eine rohe Wand drückt, als versuche sie vergeblich, dem drückenden Blick des Gegenübers zu entkommen. In anderen Werken scheint ihr dies auch zu gelingen, wenn sich ihr Körper – in der Bewegung nur verschwommen von der Kamera eingefangen – langsam auflöst, hinter Tapetenstücken verschwindet.

Dass Francesca Woodmans Fotografien zuweilen wie das erwachsen gewordene Schauspiel eines Kindes wirken, das in immer wieder neue Rollen schlüpft, kommt nicht von ungefähr: Bereits mit 13 Jahren nahm das Kind einer Künstlerfamilie die Kamera in die Hand, um von da an ihre eigene künstlerische Sprache auszubilden, die zum Zeitpunkt ihres Studienbeginns an der Rhode Island School of Design bereits weitestgehend ausgeformt war.

Obwohl ihre Schaffenszeit mit ihrem Tod im Jahr 1981 nur sehr kurz war, hat Woodman ein komplexes Oeuvre hinterlassen. Mit der Zusammenstellung von über 120 Arbeiten – darunter neu veröffentlichte Fotografien, Künstlerbücher und sechs bisher kaum bekannte Videos – wird das Guggenheim Museum mit dem Überblick über das Gesamtwerk die bisher umfassendste postume Ausstellung Francesca Woodmans zeigen: Dieses beinhaltet etwa frühe Experimente der Studentin sowie die Werke, die während ihres einjährigen Studienaufenthaltes in Rom entstanden, ebenso wie ihre Ausflüge in die Modefotografie kurz nach ihren Umzug nach New York. Ergänzt werden diese um Woodmans „späte“, großformatige Cyanotypie-Studien in den charakteristischen cyanblauen Farbtönen.

Nur schwer ist das Wissen um ihren frühen Tod von jener tiefen Melancholie und Verlorenheit zu trennen, die sich scheinbar so maßgeblich in dem Werk der Künstlerin niedergeschlagen haben. Doch auch mit einer Distanzierung von einer rein biographischen Interpretation leisten Woodmans surreal anmutende Aufnahmen, ihre Erkundung des eigenen, weiblichen Körpers, der Beschäftigung mit dem Genre des (Selbst-)Porträts als auch den Einsatzmöglichkeiten des Mediums Fotografie einen wichtigen Beitrag für die Kunstgeschichte, der einen interessanten Einblick in die kritischen Diskurse der amerikanischen Fotografie der siebziger Jahre gibt.

„Francesca Woodman“, 16. März bis 13. Juni 2012, Solomon R. Guggenheim Museum, New York.

www.guggenheim.org

Text: Teresa Köster

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STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

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