– 20.01.2012

Wie spontane Schnappschüsse aus dem Alltag sehen ihre Fotografien nicht aus. Genau platziert, inszeniert, arrangiert und zuweilen irritierend komponiert spielen Karolin Klüppels Aufnahmen vielmehr mit bewussten Konstruktionen und tradierten Rollenbildern. Mit „I Never Promised You a Rose Garden“ erhält die Studentin der Kunsthochschule in Kassel nun ihre erste Einzelschau in der Berliner Galerie für Moderne Fotografie, wo sie sich ab dem 19. Januar als Regisseurin und Drehbuchautorin der Fotografie beweisen wird. Versierten Kunstfreuden und -historikern werden die Posen, die ihre männlichen Modelle einnehmen, bekannt vorkommen – vorausgesetzt man macht sich an vielen Stellen von der Fixierung auf die sonst zumeist weibliche Figur frei und wechselt von der Malerei in das Medium der Fotografie: Ein junger Mann schwebt bei Karolin Klüppel etwa auf einem Baumstamm, unter ihm das dunkle Wasser und eine Reihe neugieriger tierischer Besucher.

Nicht nur als farblicher Kontrast in der Dunkelheit fungierend, assoziieren die Schwäne den griechischen Mythus der Leda, die von Zeus in Gestalt eines schönen Schwanes verführt und geschwängert wurde. Wenn auch in moderner Umkehrung, nimmt es dieses Aktporträt mit einem Sujet auf, das schon da Vinci, Michelangelo, Correggio oder etwa Cézanne beschäftigte. In der im Kontext ihrer diesjährigen Abschlussarbeit entstandenen Serie „I Never Promised You a Rose Garden“, deren Teil das oben beschriebene Bild ist, gibt die gebürtige Kasslerin Karolin Klüppel einen rein dokumentarischen Anspruch, den Versuch, authentisch eine objektive Realität mittels der Fotografie wiederzugeben für eine Inszenierung surrealer Welten vollkommen auf. Einerseits tief in der kunsthistorischen Motivik verwurzelt, sind ihre Arbeiten jedoch ebenso modern und emanzipatorisch gedacht. Frauen werden durch Männer ersetzt und mit ihnen zugleich gängige Geschlechtercharakteristika umgekehrt, die in ihren künstlerischen Vorreitern so allgegenwärtig sind – in naiv-romantischen Posen werden nackte junge Männer in der freien Natur positioniert, träumend, in sich gekehrt, einsam.

Niemals geht es dabei um individuelle Merkmale einer einzelnen Figur. Stattdessen sind es vielmehr ihre eingenommenen Haltungen und ihre Bedeutung in der von Klüppel arrangierten Gesamtkomposition, die entscheidend an der Wirkung ihrer Bildwerke beitragen. Stereotypen werden hier erst durch ihre Umkehrung offengelegt, aktualisiert, infrage gestellt und neu herausgefordert. Dass der Blick auf den männlichen Körper dabei ein weiblicher ist, statt des klassischen männlichen Schöpfers eines Frauenaktes führt das Spiel mit Tradition und Gegenwart konsequent fort.

Karolin Klüppel: „I Never Promised You a Rose Garden“, 19. Januar bis 10. März 2012, Galerie für Moderne Fotografie, Schröderstraße 13

10119 Berlin.

Text: Teresa Köster

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

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