– 09.10.2011

Nicht Wagners Götterdämmerung, sondern eine Kunstdämmerung erwartet uns in diesen Tagen in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt als Installation im Halbdunkel. Der lateinische Titel der anlässlich des Ehrengastauftritts Islands bei der Frankfurter Buchmesse initiierten Einzelschau der isländischen Künstlerin Gabríela Friðriksdóttir ist dabei Programm: „Crepusculum“ (z.Dt. Dämmerung oder Abendrot). So können wir uns noch bis zum 8. Januar in der so symbolisch aufgeladenen Verschmelzung von Hell und Dunkel in der Schwebe zwischen den Welten wiederfinden: Acht mittelalterliche Handschriften, die als zentrales Kulturgut Islands zum ersten Mal überhaupt die Insel verlassen haben, führen weit zurück in eine Zeit, in der Magie noch fester Bestanteil des Weltbildes war und gemeinsam mit der Deutung von Träumen zu Wissen und Selbsterkenntnis führen sollten. Umspielt und visualisiert werden sie von Objekten, Zeichnungen, einem Film, von Klängen sowie gesprochener Lyrik, die in ihrer Gesamtheit ein surreales Universum aus Friðriksdóttirs mystisch anmutendem Zeichen- und Formensystem ergeben.


Gabríela Friðriksdóttir: Crepusculum Ausstellungsansicht. © Schirn Kunsthalle Frankfurt. Foto: Norbert Miguletz.

Mit medialer Vielseitigkeit reflektiert die Isländerin Religion und Psyche ebenso wie die Tradition und Kultur ihres Heimatlandes und ergänzt sie in der Ausstellung um die originalen Handschriften der Isländersagas. Nicht die einzelnen Geschichten von Drachen, Naturgeistern, Gestaltwandlern, Schamanen, Hexen, Riesen, Ritter und Heilige, ebenso wenig die Lieder, Tatsachenberichte, Gesetzesbücher und Almanache, die gemeinsam mit ihrer teilweisen Bebilderung ein umfangreiches Bild des damaligen Lebens zeichnen, sind es, die Friðriksdóttir an den isländischen Schriftstücken besonders tangieren, sondern vielmehr ihre Funktion als »Seelenkapseln«, als Gefäße »voll von überschäumendem Leben und unglaublichen Ereignissen« aus einer anderen Zeit, wie sie die Bücher beschreibt. Und so sind sie Ausgangspunkt einer Traumästhetik, um die sich wie eine Spirale die gesamte Ausstellung dreht.


Gabríela Friðriksdóttir: Crepusculum Ausstellungsansicht. © Schirn Kunsthalle Frankfurt. Foto: Norbert Miguletz.

Eine ebensolche übernatürliche Welt erweckt Friðriksdóttirs Halbdunkelinstallation zu neuem Leben, in der ausgehöhlte Baumstümpfe von Innen erleuchtet werden, um die Geschichte Islands zu erzählen. Brunnengleich ziehen sie den Blick tief hinein und auf die Bücher der Sagas, die sich in dem toten Holz verbergen. Eingebettet in dunkles Geröll, Erde und Geäst interpretiert eine angrenzende Filmarbeit die von Mystik geprägte Kultur neu: Auf einem Bildschirm spielt sich eine surreale Szene ab, die mehr Traumbild als Narration zu sein scheint, verwoben mit Geschichten aus der altnordischen Mythologie und sexualpsychologischen Bezügen. Menschen lediglich ähnelnde Kreaturen hausen in dieser Welt; Lehmskulpturen sind verstreut auf der kargen Oberfläche; in organischen Glasformen gedeiht Undefinierbares. Die Ausstellungsspirale dreht sich weiter und so erstrahlt in gedämpftem Lichte eine verkleinerte Kopie der Wüstenlandschaft des Films auch im Museumsraum. Der helle Sand und ein wabenartiger Pavillon bilden das seine Umgebung kontrastierende, leuchtende Zentrum eines Universum im Kleinen.


Gabríela Friðriksdóttir: Crepusculum Ausstellungsansicht. © Schirn Kunsthalle Frankfurt. Foto: Norbert Miguletz.

Mit „Crepusculum“ wandelt Gabríela Friðriksdóttir zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Licht und Dunkel, zwischen Halb- und Unbewußten, für dessen künstlerischen Ausdruck sie sich vorbehaltlos der unterschiedlichsten Medien bedient. Entstanden ist dabei eine Ausstellung, die auch ein Mikrokosmos ihres Gesamtwerkes ist.

Gabríela Friðriksdóttir: Crepusculum, 29. September 2011 bis 08. Januar 2012, Schirn Kunsthalle Frankfurt.

www.schirn.de


Gabríela Friðriksdóttir: Crepusculum, 2011, Foto von Video, 29:00 mins / ed. 5 + 2 AP. Courtesy of the artist. © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2011. Foto: Jirí Hroník.

Erstes Bild > Gabríela Friðriksdóttir: Crepusculum, 2011, Foto von Video, 29:00 mins / ed. 5 + 2 AP. Courtesy of the artist. © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2011. Foto: Jirí Hroník.

Text > Teresa Koester





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