– 31.08.2011

Wenn er mit der Motorsäge in seinem Studio in Downtown L.A. herum fuchtelt und gegen das lärmende Scheppern der zu Boden fallenden Metallstücke schreit: „Mit diesem Baby ließe sich die Freiheitsstatue in 30 Minuten zerlegen“, glaubt man David Buckingham sofort, dass er das täte, wenn er denn wollte. Die Skulpturen und Collagen des Künstlers sind bunt, ur-amerikanisch und alle gefertigt aus verwitterten Metallstücken, die Buckingham aus herrenlosen Trucks, alten Straßenschildern, Schubkarren oder Öltrommeln in der Mojave Wüste schneidet. Selbst über Charles Mansons verfallenden Schulbus stolperte er und brachte rostig gelbe Platten daraus mit zurück in sein Studio.

„Ich suche nach Materialien, die bereits ein Leben hatten. Mein eigener Truck würde mich nicht interessieren – er ist weiß und brandneu. Ich will etwas, was das Leben schon hinter sich hat und Narben und Kratzer als Beweis dafür. Das Metall, das ich nutze, war 10, 20, 30, 40, 50 Jahre da draußen in der Wüste. Es hat Regenschauer, Schnee- und Sandstürme hinter sich. Es wurde angefahren. Es wurde die Straßen runter gescheucht. Es wurde ausgestoßen, vergessen und verbannt. Hinter solchen Unikaten bin ich her. Diesen Stücken kann ich neues Leben einhauchen. Mich fasziniert, dass dieses vergessene Metall aus der Wüste in meinem Studio zu Kunst wird und eh ich mich versehe in einer vertäfelten Eingangshalle in den Hamptons steht.“

In seinem Studio wird aus dem konservierten Abfall, was mancher Neo Pop Art nennt, Buckingham selbst aber eher als Sichtbarmachung der Sprache seiner Zeit begreift. Der ehemalige Werbetexter, der erst vor knapp zehn Jahren seine Passion für geschweißtes Metall entdeckte (nämlich als er sich im australischen Outback in einem Haus ohne Möbel wiederfand) verarbeitet Umgangsprache, Popkultur, Pornos und auch die „Seven Dirty Words”, die bis 2010 niemals im amerikanischen TV oder Radio gesendet werden durften, zu gewaltigen Wort-und Buchstabencollagen.

Und er macht aus den Waffen von Filmfiguren wie Inspektor „Dirty Harry“ Callahan oder der des Attentäters Dan White, der Harvey Milk erschoss, kolossale Skulpturen. Das liest sich dann so: shit, piss, fuck, cunt, cocksucker, motherfucker und tits (“Seven dirty words”), You can’t handle the truth („Eine Frage der Ehre“), oder I’m gonna get medieval on your ass („Pulp Fiction“). Und man blickt auf monströse Knarren – ästhetisiert und fröhlich bunt zusammengeschweißt aus den Materialien, die, gewissenhaft nach Grundfarben sortiert, im Innenhof seines Studios herumstehen. Seine Farbpalette: Schulbus-Gelb, Caterpillar-Gelb, Spint-Gelb.

David Buckinghams Kunst ist nicht schön, nicht würdevoll ironisiert, wie es sich für Kunst gehört. Stattdessen ist sie rau, konfrontativ, irgendwie profan und real. Dabei besitzt Buckingham nicht mal eine politische Agenda. Ihm geht es schlicht um Sensibilisierung. Sensibilisierung für die alltägliche Kraft der Sprache, auch die, die nonverbal bleibt. Diese Kraft setzt Buckingham nicht nur metaphorisch, sondern direkt in seinen Skulpturen um. Indem er sie einerseits fast schon brutal fertigt, und auch, weil seine Kunst so laut und markerschütternd ist wie ein Knall.

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„Ich weiß nie, was ich als nächstes mache. Jedes Mal, wenn ich eine Idee habe und sie zu Ende bringe, ist es wie mit der Hydra. Wenn man der den Kopf abschlägt, sprießen an der Stelle sechs neue Köpfe. Wenn ich eine Idee realisiere, habe ich am Ende fünf neue. Ein Elend. Ich habe nie genug Zeit für alle Ideen. Auch weil es nicht einfach ist, mit Metal zu arbeiten. Es wehrt sich.“ Ab dem 02. September 2011 hat der Amerikaner nun endlich seine erste Einzelausstellung in Berlin. „Hung Like Elvis“ ist in der Schöneberger Kit Schulte Galerie zu sehen. Und zu verdanken ist das vor allem Wrangler . Ab diesem Herbst arbeitet die Jeansbrand für ihre Premiumlinie „Blue Bell“ in jeder Kollektion mit einem amerikanischen Künstler, Designer oder Architekten zusammen. Den Auftakt macht David Buckingham. Wranglers Kreativdirektor Alessandro Vigano interessierte die Verbindung von modernen Entwürfen aus historischen Materialien „made in USA“, die er in Buckinghams Kunst verkörpert sah.

Damit kehrt die Denim-Brand zu ihren Wurzeln zurück. Denn Wranglers Geschichte führt zurück ins Jahr 1904, als die Hudson Overall Company in Greensboro, North Carolina, USA gegründet wurde. 1919 wurde sie in Blue Bell umbenannt und erhielt 1947, anlässlich des Launches einer neuen Jeans-Kollektion für Cowboys, ihren heutigen Namen: Wrangler – der Begriff für den arbeitenden Cowboy. Zwar erfolgte der Relaunch der Premiumlinie „Blue Bell“schon 2009, doch erst seit diesem Jahr werden alle Jeans und Denim-Styles wieder komplett in den USA und aus amerikanischer Baumwolle hergestellt.

Die Schnitte wurden weiterentwickelt – New-Regular, Slim, Fitted und Anti-Fit für Herbst/Winter 2011 – die Herstellung und die ikonischen Details blieben jedoch seit jeher gleich: die flachen Nieten, das gestickte W auf den Gesäßtaschen, die Uhrentasche oder die markante Naht an der Außenseite der Jeans. Doch nicht allein die Idee des formschönen Recyclings war es, zu der Buckingham Wrangler beflügelte. Auch seine Pop Art Farben findet man überall in der Kollektion. Satt gefärbte Jeans in Rot, Grün, Blau oder Schwarz, und als Drucke auf den T-Shirts und Hemden der neuen Kollektion. Und was tat der Mann mit der Kreativität einer Hydra: Er dankte es Wrangler mit zwei Kunstwerken, die ebenfalls Teil von „Hung Like Elvis“ sind.

David Buckingham: „Hung Like Elvis“  – 02. September bis 15. Oktober 2011
Kit Schulte – Contemporary Art
Winterfeldtstrasse 35
10781 Berlin
Mi – Fr: 12:00 bis 19:00 Uhr

Ausstellungseröffnung: am 02.09.2011 um 19:00 Uhr

www.buckinghamstudio.com
www.bluebelljeans.com
www.kitschulte.com

Text: Julia Christian

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

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