– 24.06.2011

Was zum Teufel? Schon 23 Uhr und langsam mache ich mir ernsthaft Sorgen, ob ich es heute noch schaffe zum Festival Sónar by Night. Es liegt außerhalb der Stadt in der Fira Gran Via L’Hospitalet, einem der größten Messegelände Europas. Nach geschlagenen anderthalb Stunden Warten sitze ich im oberen Bereich eines Doppeldecker-Reisebusses und erreiche endlich das Festivalgelände.

Rauchende Wurstbuden und DJs, die auf kleinen mitgebrachten Tischen spielen. Mit meinen paar Brocken Urdu rede ich mit Pakistanern, die illegal vor dem Eingang der Konzerthallen Bier verkaufen. Nach wenigen Metern Fußweg befinde ich mich inmitten des größten Veranstaltungsorts des gesamten Sónar Festivals, dem SónarClub. Der Name wird dem Ort nicht ganz gerecht, da ich mit “Club” eher kleinere Räume verbinde, in denen man schwitzt und tanzt. In diesem Fall ist es eine riesige Messehalle, ausgestattet mit sechs großen Leinwänden, die die Sicht auf die Künstler auf der Bühne ermöglichen.

Als erster präsentiert sich Munchi aus den Niederlanden, mit lockiger Mähne gut gelaunt beim Auflegen erstklassiger elektronischer Tanzmusik. Eine schöne Einstimmung auf den Abend.

Es folgt die Chartstürmerin M.I.A. aus England mit Wurzeln in Sri Lanka. Das Intro ist eine A-Capella-Nummer mit bunten hinduistischen Götterbildern, die über die Leinwände flackern und sich ablösen mit jungen Frauen, die Gewehre abfeuern. M.I.A. – „Missing in Action“ – ist die Bezeichnung für Soldaten, die im Krieg verloren gehen und über deren Verbleib es keine Informationen gibt. Dann geht es mit M.I.A.s zahlreichen Hits los. Wow! Ich muss tanzen. Tatsächlich entsteht eine clubbige Atmosphäre in dem riesigen Haus. Nicht zuletzt wegen der psychedelischen Visualisierung auf den Leinwänden, die die Musik mehr als nur untermalt. Gegen Ende ihres langen Auftritts (eine halbe Stunde überzogen!) holt M.I.A. massenhaft Fans auf die Bühne, um ein tolles Set angemessen abzuschließen.

Um 3:30 kommt endlich der Gig von Aphex Twin. Da ist er also, Richard David James vor einer kleinen Konsole auf der großen Bühne ganz allein. Mit offenem Haar an den Plattenspielern. Äußerst konzentriert. Angekündigt als DJ, keine ‚live show’. Hämmernde, metallene, industrielle Klänge, 130 bpm. Der programmierte Nachhall erzeugt den Eindruck von Klangwellen, die auf stählernen Mauern abprallen. Seine Lichter damit synchron: unerbittliche Laserstrahlen, die wie sci-fi Lichtschwerte den Raum zerteilen. Die grellen Lichtwände erschweren mir die Orientierung. Das gefällt mir. Sie dominieren den gesamten Raum, nicht bloß bespielte screens, wie bei den vorigen Acts.

Aphex Twin bringt sowohl Techno als auch Electro von anderen Künstlern und legt zudem eigene Stücke auf. Knochenhart, aber nicht ohne Dance Beats. Die dann unterbrochen werden, wie wenn eine Platte springt. Willkürliche Rhythmusänderungen. Mir scheint es so, als hätte Aphex Twin große Freude daran, den Leuten das Tanzen zu erschweren. Und das gelingt ihm auch. Irritierend. Was zum Teufel ist los hier? Ist das ein DJ-Set zum tanzen im SónarClub oder eine Live-Performance? Ich bin etwas verwirrt.

Das Publikum um mich herum scheint auch verwirrt zu sein. Eine Tanzeuphorie herrscht hier nicht gerade. Vielleicht deswegen, weil die Besucher Angst haben, immer wieder aus dem Groove geworfen zu werden. Aphex Twin ist kein Crowd-Pleaser. Dennoch erleben wir faszinierend durchdachte Klänge von einem genialen Künstler mit einer einmaligen Licht Show. Definitiv keine Enttäuschung. Nur zum Tanzen war man beim Folgeakt A-Trak besser aufgehoben.

Text > Christian Claus

stylemag
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