– 07.06.2011

Die 54. Internationale Kunstausstellung von Venedig eröffnete am Samstag mit einer Fehlentscheidung. Der Goldene Löwe für den besten Länderpavillon ging an Deutschland: an die Kuratorin Susanne Gaensheimer vom Museum für Moderne Kunst und somit posthum an Christoph Schlingensief. Gaensheimer stand nach Schlingensiefs Tod im letzten Jahr vor einer schwierigen Entscheidung. Sollte sie seine vagen Entwürfe von anderen Künstlern oder seinen Mitarbeitern weiterentwickeln lassen? Oder sollte sie sein Werk zeigen und den Pavillon für eine musealisierte Retrospektive nutzen? Gaensheimer entschied sich für die zweite Variante – ein konsequenter und auf den ersten Blick gerechtfertigter Schritt.


„Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir.“ Bühneninstallation des Fluxus-Oratoriums von Christoph Schlingensief im Deutschen Pavillon, Altaransicht mit Filmprojektion, Foto: Roman Mensing, artdoc.de

Der Pavillon präsentiert sich nun als weihevolles Mausoleum für den Künstler, der seine Krebserkrankung in der für ihn typischen Art zu verarbeiten versuchte und sein Scheitern am Tod ergreifend dokumentierte aber gleichzeitig auch zelebrierte. Das Pathos des zur Kirche umgewandelten Hauptraums brechen glücklicherweise Videointerviews mit Schlingensief, die ihn als humorvollen und geistreichen Akteur an vielen künstlerischen aber auch sozialen Fronten zeigen. So befasst sich der linke Flügel des Pavillons mit seinem Afrikaprojekt „Remdoogo“, während sich der rechte Flügel seinem trashigen Filmwerk widmet.


The Jury of the 54th International Art Exhibition of la Biennale di Venezia:

Hassan Khan (President), Carol Yinghua Lu, Letizia Ragaglia, Christine Macel and John Waters, Photo: Giorgio Zucchiatti, Courtesy: la Biennale di Venezia

Doch warum verleiht die Jury dafür den Goldenen Löwen? Christoph Schlingensiefs verwobenes Netz aus Kunst, Theater, Klamauk und Sozialengagement ist kaum Avantgarde von heute, sondern eher Fluxus der 1970er Jahre. Zitate des Dadaismus des frühen 20. Jahrhunderts, des Theaters Bertolt Brechts oder der Happenings von Joseph Beuys verdienen keinen Preis im Jahr 2011. Betroffenheitsauszeichnungen hätte jemand wie Schlingensief entrüstet zurückgewiesen. Die Pavillons sollen Element der Auseinandersetzung eines Künstlers mit dem Ort sein und nicht als Museum missbraucht werden. Insofern ist nicht nur das Urteil der Jury (Hassan Khan, Carol Yinghua Lu, Letizia Ragaglia, Christine Macel und John Waters) falsch, sondern letztlich wohl doch auch die Entscheidung Susanne Gaensheimers.


Susanne Gaensheimer, Commissioner of the German Pavilion, Recipient of Golden Lion for best National Participation, Photo: Giorgio Zucchiatti, Courtesy: la Biennale di Venezia

www.labiennale.org

www.deutscher-pavillon.org




Erstes Bild > Deutscher Pavillon, Photo: Susanne Röllig

Text > Marcus Woeller

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>