– 31.05.2011

Schon mal drüber nachgedacht, wie es wäre, wenn aus dem heimischen Wasserhahn statt erfrischendem Nass nur plätschernde Geräusche raus kämen? Nein? Eigentlich schade, denn dass solche Gedankengänge durchaus ergiebig sein können, beweisen Freitagnachmittag acht Media Art Studenten aus Darmstadt in der Kanadischen Botschaft. Anlässlich des 100. Jahrestages des Medienwissenschaftlers Herbert Marshall McLuhan haben diese sich intensiv mit dessen Texten auseinandergesetzt. Ergebnis dieser Überlegungen ist unter anderem das interaktive Soundobjekt „Mixer Tap“ von Yannick Hofmann, bei dem ein Wasserhahn zum Interface wird und der Besucher zum Herrscher über Hi-Fi und Lo-Fi Klänge. Heiße und kalte Medien als Wasserspender, Narziss als Leinwandheld und ein Selbstbildnis aus Elektroschrott – die Nachwuchsmedienkünstler nehmen McLuhan beim Wort.  Für alle, die den kanadischen Medienpionier nicht so gut kennen ein optimaler Crash-Kurs, der bestens auf das „Re-touching McLuhan- the medium ist the massage centennial weekend“ vorbereitet.

Immerhin, der Prophet hat Geburtstag und seine Jünger folgen ihm in Scharen. „Heute ist McLuhan noch aktueller als je zuvor. Bevor es Internet gab, hat er voraussehen können, worum es im digitalen Zeitalter geht – broadcast yourself“, schwärmt Stephen Kovats, Mitglied der „transmediale“ und Organisator der dreitägigen Geburtstagsause. Umso mehr bemühen sich er und sein Team, dass das Spektakel in der Landesvertretung dem Jubilar gerecht wird. Wäre McLuhan selbst nicht bereits vor 30 Jahren gestorben, es wäre wohl eine Party ganz nach seinem Geschmack gewesen – ein buntes Potpourri aus Wissenschaft, Kunst und  Entspannung. Richtig gelesen, denn der Titel des einzigen Bestsellers des Kanadiers „The medium ist the massage“, bei dem durch den Drucksetzer versehentlich das e gegen ein a vertauscht wurde, schwebt wörtlich genommen als Motto über der Veranstaltung. Dafür, dass dies auch alle Gäste verinnerlichen, sorgt Freitagabend Paul D. Miller alias DJ Spooky mit der Präsentation der digitalisierten Version der gleichnamigen Schallplatte aus dem Jahr 1968, auf der McLuhan in bester HipHop Manier Auszüge seiner Texte aufgenommen hatte. Damit der Messias des 21. Jahrhunderts auch selbst in diesem ankommt, werden vom Soundmeister keine Schellack-Produkte mehr bemüht, sondern nur das Touchpad, welches zeitgleich als Mischpult fungiert. Die Anwesenden zücken begeistert Smartphones und Digitalkameras und auch die Augen von Kovats strahlen: „ Stuff, wie er gemacht hat, ist Wahnsinn. Eigentlich war er ein Professor und dann produziert er so einen hardcore Rapmix. Das ist radikal.“

Eine transdisziplinäre Radikalität, welche bei der sonnabendlichen McLuhan-Konferenz stets hervorgehoben wird. Ob in der Arbeit der Performancekünstler Sonia Cillari und Stelarc, in der Entwicklung neuer Musikrichtungen, Architektur, oder auch in Fragen zur Umwelt – McLuhan und seine Theorien scheinen, den Referenten folgend, omnipräsenter Bestandteil der gegenwärtigen Alltagskultur. Zum Abschluss des Wochenendes unterm Ahornblatt kommt der Wissenschaftler auch selbst zu Wort. Während die Gäste mit McLuhanschen Aphorismen bestückte Glückskekse schnabulieren, predigt der, modernster Technik sei Dank, zeitweilig auferstandene Kanadier aus seiner Theoriebibel. Derrick de Kerckhove, der McLuhan selbst kannte, übersetzt gern das Projizierte: „We’re a Pinocchio 2.0. It’s all about magic, we’re living in a kind of fantasy film.“

Bevor die Party dann endgültig ausgefeiert ist, dürfen die versammelten Holzpuppen noch der feierlichen Eröffnung der Installation „Through the vanishing point“ beiwohnen, welche von dem mehrfach ausgezeichneten Medienkünstler  David Rokeby und dessen Kompagnon Lewis Kaye über den Atlantik zum Potsdamer Platz gebracht wurde und mithilfe von Archivmaterial audiovisuell McLuhans Arbeitszimmer rekonstruiert.

Verpasst? Jetzt bloß keine lange Nase ziehen. Die Installation ist bis zum 8. Juli 2011 täglich von 11-17 Uhr der Öffentlichkeit zugänglich.

Text > Christina Dörfling

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