– 03.05.2011

»Jetzt bitte das Ganze noch einmal – aber in Schönschrift.« Ob dieses Schülertrauma Mathieu Tremblin zu seinem Street-Art- Projekt »Tag Clouds« inspirierte? Der 1980 im französischen Le Mans geborene Künstler übermalt zugebombte Brückenpfeiler und Hauswände – nicht etwa in Absprache mit erzürnten Hausbesitzern, sondern um die vorher auf ihnen angebrachten Schriftzüge noch einmal gut leserlich auf denselben Stellen zu platzieren – in Rennes, Berlin und Nantes gab er der lokalen Graffitiszene schon Nachhilfe in Sachen Lesbarkeit und Druckbuchstaben.

Jahrelang übten sich Sprayer an einem möglichst gekonnten Namenskürzel, dass nach seiner Verbreitung im öffentlichen Raum zwar für alle gut erkennbar, aber nur für Eingeweihte dechiffrierbar sein sollte. Wenn Tremblin ursprünglich dadaistisch anmutende Buchstabengebilde wie POOSHK, GRILZ oder KRYO nun in allerbester Antiqua typografiert, entlarvt er sie ein wenig ihrer semantischen Sinnlosigkeit.

Zeichen, die nichts bezeichnen außer sich selbst und ihre Zeichner. Aber Tremblin geht es nicht darum, das Reviermarkierungsverhalten seiner Kollegen zu kritisieren. Er verweist auf eine Parallele zwischen realer und virtueller Welt – der Verwandtschaft vom analogen und digitalen Tagging.

Ob auf Hauswänden oder Homepages: Tags sind zusammenhangslose Schlagwörter, die beim Passieren der Stadt oder des Netzes wahrgenommen werden. Wie wir in Chats oder Social Networks unter klangvollen Pseudonymen unsere geschönten Biografien präsentieren, wählen auch die Sprüher im Netzwerk Stadt fiktive Identitäten. Tremblin enthüllt sie, ohne sie bloßzustellen.

www.demodetouslesjours.eu

Fotos > Mathieu Tremblin

Text > Frederike Ebert

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

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