– 29.04.2011

Steven Shearer legt den Begriff Collage ebenso weit wie präzise aus. In Berlin erinnert man sich an sein Werk für die 4. Berlin Biennale. An einer Brandwand auf der Oranienburger Straße installierte er zwei knapp zwanzig Meter hohe „Poems“. Gedichte in weißen Lettern auf schwarzem Grund, die auf zusammengesuchten Textschnipseln basierten. Shearer kommt aus Vancouver, Black- und Death-Metal-Fan und Repräsentant des kanadischen Pavillons auf der Biennale von Venedig in diesem Sommer.


Steven Shearer, „Self-Portrait with Black Eye“, 2009, Courtesy of the artist © Steven Shearer, photo © Chris Gergley

Auch dort wird es eine haushohe Installation eines Poems geben, dass sich zwischen die unmittelbaren Nachbarn Großbritannien und Deutschland zwängt. Komplett verdecken wird sie den eigentlichen Pavillon, ein eher bescheidenes Häuschen, welches die Kuratorin Josée Drouin-Brisebois von der National Gallery of Scotland kürzlich bei einer Präsentation im KW Berlin den „Wergzeugschuppen der Giardini“ nannte – so klein nimmt er sich aus neben den eher pompösen Nachbarpavillons.


Steven Shearer, „The Fauves“, 2008-09, Private Collection Family Hunting, The Netherlands © Steven Shearer, Courtesy of Galerie Eva Presenhuber, photo © Chris Gergley

„Exhume to consume“ ist sein Motto für die Ausstellung. Doch Shearer collagiert nicht nur Wörter, sondern in seiner Malerei und seinen Zeichnungen auch die Epochen der jüngeren Kunstgeschichte, Pathosformeln des Heavy Metal, Alltagsmotive und Figurationen der sozialen Entfremdung. Wie eine Mischung aus Munch und Toulouse-Lautrec wirken Gemälde wie „The Fauves“ auf den ersten Blick. Herausforderns blickt der Maler aus dem Bild heraus, während er einen Akt nicht wie gewohnt bei älteren Malerbildnissen auf eine Leinwand auf einer Staffelei pinselt, sondern direkt auf die Kutte eines Metallerkollegen.

Das Gemälde „1900“ strahlt nicht nur via Titel einen düsteren Symbolismus der vorletzten Jahrhundertwende aus. Die schwarzhaarige Matte des Modells verschmilzt mit dem Hintergrund, geschwungene Konturen zitieren den Jugendstil. Doch Shearers Vorlage war mehr als weltlich: ein Foto eines Drummers gefunden als verpixeltes Internetbildchen.


Steven Shearer, „Night Train“, 2009-10, Courtesy of the artist © Steven Shearer, photo © Chris Gergley

Steven Shearer vermischt die Ebenen, ob klassische Moderne oder zeitgenössische Kunst, U und E, Nerdkultur oder die Ikonografie des Alltags. Das Verhältnis der Figuren innerhalb seiner Bilder ist gleichfalls mehr als ungeklärt, Shearer spielt auch hier mit Zeit- und Bildebenen, die man als Betrachter von figurativer Malerei unweigerlich aufmacht. Damit beweist er einmal mehr, dass die alte Gattung immer noch und immer wieder zeitgemäß ist.

Steven Shearer, Kanadischer Pavillon, 54. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, 4. Juni – 27. November 2011

www.labiennale.org

www.gallery.ca/venice

Erstes Bild > Steven Shearer, Untitled, 2006, Courtesy Stuart Shave/Modern Art, London; Galerie Eva Presenhuber, Zurich; Galleria Franco Noero, Turin; Gavin Brown, New York

Text > Marcus Woeller

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

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