– 21.01.2011

Gérard Depardieu besitzt ein Weingut im Anjou, einer Region in Frankreich. Bevor er das Land kaufte, aß er dessen Erde. Denn er weiß: Das, von dem wir leben, was wir anbauen, ist nur so gut wie der Boden, auf dem es wächst. Das Schicksal unseres Bodens, auf dem der Mensch seit Jahrtausenden Ackerbau betreibt, ist eng verwoben mit dem Schicksal unserer Gesellschaft, die, so der Tenor von Coline Serreaus monumentalem neuen Dokumentarfilm, ihr „Erwachsenwerden“ erst noch vor sich hat.

„Good Food Bad Food – Anleitung für eine bessere Landwirtschaft“ berichtet von einer globalen Schieflage, der Allmacht multinationaler Konzerne, die im Zuge ihres Profitstrebens in den letzten 60 Jahren die Landwirtschaft umgekrempelt haben und sie zu einem Unternehmen gegen die Natur und gegen die Vernunft machten. Ausgangspunkt des Films ist die Situation nach dem zweiten Weltkrieg: Die Staaten sitzen auf erheblichen Mengen von Chemikalien aus der Kriegsproduktion, für die man keine Verwendung mehr hat. Als die Industrie in den 1950er Jahren nach neuen Absatzmöglichkeiten suchte, entdeckte sie die Landwirtschaft als noch nicht ausreichend kapitalistisch erschlossenes Gebiet. Die petrochemische Großindustrie machte da weiter, wo sie nach dem Krieg aufgehört hatte und trieb mit aller Kraft ein Projekt voran, das die Regisseurin den „Angriffskrieg gegen die Erde“ nennt: die Grüne Revolution.

Eigentlich hatte man sie als humanistisches Projekt verstanden. Sie sollte Bauern vor allem in Indien zu mehr Wohlstand verhelfen, versorgte sie mit äußerst ertragreichen Hybridsamen, die die Hungersnot im Land beenden sollten. Dazu kamen jedoch Düngemittel und Pestizide, ohne die jene neuen Superpflanzen nicht mehr wachsen konnten. Schaut man heute auf die Statistik, erfährt man, dass sich jede Stunde zwei Bauern in Indien das Leben nehmen. Warum? Weil sie die Grüne Revolution in den Ruin getrieben hat. Denn das neue Saatgut ist nicht reproduzierfähig, muss jedes Jahr neu gekauft werden. Zusammen mit Dünger und Pflanzenschutz summierten sich die Kosten so weit, dass die Bauern gezwungen waren, Kredite aufzunehmen, die sie irgendwann nicht mehr tilgen konnten und so ihr Land an die Banken verloren. Die Industrie hatte sie in ihrem eigensten Sinne abhängig gemacht. Die Bauern vergiften sich, indem sie eine ganze Flasche Pestizid trinken – das gleiche tödliche Gebräu, das sie schon wirtschaftlich zugrunde gerichtet hatte. Um die Ernährung der indischen Bevölkerung ist es heute genauso schlecht bestellt wie früher.

Das Saatgutmonopol der Hersteller bedrückt auch europäische Landwirte: Lediglich bestimmte Arten von Saatgut dürfen zum Anbau verwendet werden. Es hat zur Folge, dass die Artenvielfalt stirbt, Chemikalien verwendet werden müssen und fast ausschließlich so genannte F1-Hybride gepflanzt werden, die positive Eigenschaften verschiedener „Elternpflanzen“ in sich vereinen, jedoch selbst unbrauchbar für die Aussaat im Folgejahr sind. Die eigentliche Absurdität liegt darin, dass ein Vorgang, nämlich die Fortpflanzung der Nutzpflanzen, den Erde und Tiere eigentlich umsonst sicherstellen, durch Profitgier künstlich unterbunden wird. Das ist einer der zentralen Missstände, der von Agrar- und Umweltwissenschaftlern, Biologen und auch Landlosen aus Brasilien angeprangert wird, die Coline Serreau für ihren Film interviewte.

Claude Bourguignon, promovierter Mikrobiologe, erklärt wie kleine Tiere für die natürliche Auflockerung und Fruchtbarkeit des Bodens sorgen. Die überwältigende Mehrzahl der Proben, die er in seinem Forschungslabor für Bodenanalyse untersucht, ist jedoch fest und sauerstofflos – tote Erde, denn die Tiere sind durch den Einsatz von Chemikalien längst gestorben. Dieser Zustand ist symptomatisch und weist weit über die Landwirtschaft hinaus; er beschreibt ein soziales, ein gesellschaftliches Problem, das die allumfassende Vorherrschaft des Menschen zur Grundlage hat und auf Kontrolle und Ausbeutung beruht. Wir betreiben die Eroberung alles Fruchtbaren. Es ist kein Zufall, argumentiert der Film, dass die industriekapitalistische Erschließung der Nahrungsproduktion gleichzeitig ein großer Schlag gegen die Frauen war, die in fast allen nicht-westlichen Ackerbaugebieten, besonders in Afrika und Asien, die Oberhand hatten. Wieder wurde die Menschheit Zeuge der allmächtigen Liaison von Penis und Kapital.

Die Natur ist ein ausgeklügeltes System vor allem durch ihre symbiotische Vielfalt. Bei genauem Hinsehen regelt sie die meisten Dinge besser als menschliche Technologie – zum Beispiel bei Rosen: Kein Pestizid bekämpft Blattschädlinge an ihnen besser als fleißige Vögel, vorausgesetzt man vertreibt sie nicht. Technologie wird im Film nicht per se als zerstörerisch dargestellt, wohl aber wenn sie die rechte Hand einer kapitalistisch-patriarchalen Ideologie ist. Auf alle Fälle – und das ist das große Anliegen von „Good Food Bad Food“ – müssen wir uns von einem Gesellschaftsmodell der Ausbeutung abwenden und zu einer Kultur des Respekts gegenüber der Natur, dem intelligentesten aller Organismen, übergehen. Das ist ein bisschen so wie George Bush abwählen und Barack Obama zum Präsident machen, gar nicht so schwer für mündige Menschen. Es wird Zeit, dass wir wieder, wie Depardieu, (von der) Erde essen können.

„Good Food Bad Food – Anleitung für eine bessere Landwirtschaft “
von Coline Serreau
Alamode Film

Kinostart: 20. Januar 2011

Text > Pascal Dasinger

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

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