– 07.01.2011

Die Hamburger Kunsthalle zeigt momentan die Ausstellung „Cut. Scherenschnitte 1970-2010“, die sich mit großer Hingabe der Welt des „Cut Outs“ widmet. Dass es in Deutschland erst die zweite sich explizit dieser Kunstform zuwendende Ausstellung ist, verwundert in Anbetracht der Qualität und Vielseitigkeit der 50 vorgestellten Arbeiten. Diese repräsentieren die neueren Entwicklungen auf diesem Gebiet in den letzten 40 Jahren und machen begreiflich, warum der Scherenschnitt in der zeitgenössischen Kunst wieder höchst aktuell geworden und von einer Technik zu einer Kunstrichtung avanciert ist.

Rupprecht Matthies (*1959)  Runges Staudenbeet, Modell, 2010  Acrylglas, gelasert, mehrteilig, 160 x 70 x 70 cm
© Rupprecht Matthies   Photo: Kay Riechers

Die auffallendste dieser Entwicklungen ist sicherlich die Emanzipation der Scherenschnitte vom zweidimensionalen Raum. Waren die „gouaches découpées“ – die farbigen Ausschnitte von Henri Matisse aus dem Jahre 1947 – in ihrer collagenhaften Anordnung noch ausschließlich dem Konzept der Reduktion verpflichtet, verbinden heutige Arbeiten von Charlotte McGowan-Griffin oder Katharina Hinsberg diese mit einer perspektivsprengenden Räumlichkeit, um ein freies Schweben zu ermöglichen.


Charlotte McGowan-Griffin (*1975)  Die Künstlerin während der Arbeit zu  The Whiteness of the Whale III, 2010 Holz und Papier, 4 x 9 x 3 m
© VG Bild Kunst, Bonn © Charlotte McGowan-Griffin Photo: Kay Riechers

McGowan-Griffin hat dazu ein besonders beeindruckendes Konzept entwickelt. Wie sie selbst sagt, schneidet sie nicht aus, sondern ein – „cutting in“ anstatt „cutting out“. Bei ihr findet man begehbare Welten aus weißem Papier, einem Urstoff, in dessen Fleisch sich die Künstlerin buchstäblich hineinschneidet und -reißt um eine Neubewertung des „innen“ und „außen“, von Illusion, „davor“ und „dahinter“ vorzunehmen. Ein prominentes Motiv in ihren aktuellen Arbeiten ist der Strudel, der für sie genau diese Gegensätzlichkeit verkörpert.


Katharina Hinsberg (*1967)  X x A4, 2010  Canson Mi-Teintes, Rot-Orange (#453)  400 x 650 x 650 cm © Coutesy K. Hinsberg; Galerie Klein, Köln
© VG Bild Kunst, Bonn  Photo: Kay Riechers

Allgemein haben sich die Quellen, aus denen sich der Scherenschnitt traditionell speist, in den letzten vier Jahrzehnten stark vermehrt. Vom reinen Nachvollzug der gezeichneten Linie emanzipiert, dienen heute verschiedene künstlerische Formate wie Malerei, Zeichnung, Bildhauerei, Fotografie und Film als Ausgangspunkt.


Christian Boltanski (*1944) Théâtre d’Ombre (Schattentheater), 1984Blech, Metallgestell, Spots, Ventilator, 400 x 650 x 550 cm© Kunstmuseum Wolfsburg © VG Bild Kunst, Bonn Photo: Nic Tenwiggenhorn

Interessant in diesem Zusammenhang ist das Schattentheater Christian Boltanskis, das in der Ausstellung gezeigt wird. Darin sieht man sich leicht bewegende – fast tänzelnde – Schattenfiguren an eine Wand geworfen, die oft morbider Natur sind. Man könnte von einem Totentanz sprechen, der jedoch höchst fragil anmutet und selbst unmittelbar mit dem Tod konfrontiert ist. Im Gegensatz zur Fotografie existieren die Schatten nur so lange, wie man Licht auf die Wand wirft. Wieder geht es also um die Frage nach dem Schein, der Illusion.


Kara Walker (*1967) Darkytown Rebellion, 2001 Papierschnitt und Wandprojektion, 426 x 1143 cm © Mudam Luxemburg (Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean) © Kara Walker
Photo: Richard-Max Tremblay

Aber nicht nur formal-ästhetisch, sondern auch politisch erschließt sich der Scherenschnitt in der Kunsthalle neue Dimensionen. In „Darkytown Rebellion“ hat Kara Walker eine surreal-verstörende Szenerie geschaffen, die mit allerhand Symbolen den Kampf der Befreiung der Schwarzen in filigranen Scherenschnitten darzustellen sucht. Die enthaltenen Figuren stellen mehr Fragen, als ihre Umrisse zu beantworten imstande sind. So zum Beispiel eine Reis stampfende Frau, die Sklavin, Kindermörderin oder Offenbarungsengel sein könnte. Gleichzeitig rechnet Walker mit dem Scherenschnitt als dem ursprünglich bürgerlichen Medium einer weißen Mittelschicht ab.


Annette Schröter (*1956) Frau in Waffen, 2002 Papierschnitt, 250 x 190 cm © VG Bild Kunst, Bonn 2009 © Museum der Bildenden Künste, Leipzig
Photo: Erasmus Schröte
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So ist der zeitgenössische Scherenschnitt immer noch mit seinen Wurzeln verbunden, die bei dem 1810 gestorbenen Philipp Otto Runge liegen, über den die Kunsthalle zeitgleich eine große Retrospektive zeigt. Sein Credo, durch die Reduktion auf den Umriss die Einbildungskraft des Betrachters herauszufordern und so dem Wesen der Dinge näher zu kommen, ist in den aktuellen Arbeiten höchst lebendig. Der Scherenschnitt vermag es wie, wie Kara Walker sagt, „komplizierte Sachverhalte einfach ausdrücken“. Seine Abstraktion ist Entfremdung und Heilmittel zugleich und in diesem Sinne eine bemerkenswerte Kunst, die nun endlich Beachtung findet.


Olaf Nicolai (*1962) Hortus/Konstrukt, 1995 6 Scherenschnitte aus schwarzem Papier, montiert auf weißem Karton, je 29,7 x 21 cm © VG Bild Kunst, Bonn 2009 © & Photo: Courtesy Galerie EIGEN+ART,  Leipzig/Berlin

„Cut. Scherenschnitte 1970-2010“
Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall
20095 Hamburg

Die Ausstellung läuft noch bis zum 6. Februar.

www.hamburger-kunsthalle.de


Felix Droese (*1950)  Antiterroreinheit – unterwegs zu einem Begräbnis der Kunst, 1992-2000
12 Papierschnitte, je ca. 290 x 110 cm © Courtesy Galerie Onrust, Amsterdam © VG Bild Kunst, Bonn
Photo: Gert Jan van Rooij

Erstes Bild > Stefan Thiel (*1965) Filmstill 22 (A Bout du Souffle), 2009 Cut out, 51 x 72 cm © Schweizer Privatsammlung © Stefan Thiel
Photo: Stefan Thiel

Text: Pascal Dasinger

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