– 04.11.2010

Seine eigene Fliegenpilzerfahrung mag Carsten Höller (geb. 1961, Brüssel) niemandem empfehlen. 1995 konsumierte er Amanita muscaria für die Ausstellung „Gift“ in Berlin. „Eine schreckliche Erfahrung“, sagt er und rät vom Selbstversuch ab. Seine Ausstellung „Soma“, die heute Abend im Hamburger Bahnhof in Berlin eröffnet wird, suggeriert zunächst ein positiveres Modell des unverkennbaren Pilzes. Schon die alten Veden Indiens haben schon vor Jahrtausenden propagiert, aus Fliegenpilzen einen mystischen Trank zu brauen, der mehr als nur Flügel verleiht: „Wir haben das Soma getrunken; wir sind unsterblich geworden, wir haben das Licht gesehen; wir haben die Götter gefunden.“, singt die Rigveda, ein Gründungshymnus der hinduistischen Religion.

Carsten Höllers künstlerische Versuchsanordnung „Soma“, die die große Halle des Hamburger Bahnhofs zum Rentiergehege umfunktioniert, bietet nun aber keinesfalls Freisoma für alle, wie einige Journalisten bei der Pressekonferenz es wohl erwartet und die Scheu, Rentierurin zu trinken, prophylaktisch schon einmal abgelegt hatten. Denn im Urin der Tiere, zu deren natürlicher Nahrung Fliegenpilze gehören, ist das Gift aufgeschlossen und somit praktisch konsumierbar.

Genau, es äsen zurzeit zwölf Rentiere im Museum für Gegenwart! Dazu zwitschern Kanarienvögel in überdimensionierten Hängekäfigen, weiße und schwarze Mäuse tollen aufs Possierlichste durch schwarze und weiße Mäusespielplätze. Ein Märchenpilzwald ist aufgebaut, Fliegenpilzproben warten in Tiefkühlschränken. Schmeißfliegen können beobachtet werden und Menschen natürlich, wie sie auf die ungewöhnliche Erfahrung Tiere im Kunstmuseum zu treffen reagieren.

Sogar ein Doppelbett ist in die Ausstellung integriert, um dort zahlenden Gästen die Übernachtung zu ermöglichen. Denn Carsten Höller geht es um die Erfahrung, das sinnliche Erlebnis und die Beschäftigung mit dem zwischen Theorie und Praxis schwebenden Phänomen über die Aufnahme eines göttlichen Tranks höhere Weihen zu empfangen. Fantasie ist da gefragt – und weniger die Überwindung, Exkremente oder der Kitzel, Drogen zu sich zu nehmen.

Höller fühlt sich wohl manchmal falsch verstanden, wenn ihn die Medien als habilitierten Naturwissenschaftler auszeichnen, er seine Herangehensweise aber eher als „pseudowissenschaftlich“ versteht, die nicht im objektiven Laborversuch Soma synthetisieren will, sondern über die subjektive Vorstellungskraft das Nachdenken darüber in Gang setzen will, dass es mal so etwas wie Soma gab und einen göttlichen Rausch und eine eben nicht wissenschaftliche Erkenntnis, der seit der Aufklärung den allermeisten anderen Erkenntnismodellen Vorrang erteilt wird. Der Ausgangspunkt seines begehbaren Doppelblind-Tierversuchs ist freilich noch in der Wissenschaft eingebettet. Das Experiment, zu dessen Teil die Besucher und Besucherinnen werden sollen, läuft dann in der Imagination ab. Ob das schon Rauschzustände auslöst, kommt dann eben auf die Fantasie an.

Für Udo Kittelmann, den Direktor der Nationalgalerie, ist es wichtig, dass sich genau an dieser Stelle Spreu von Weizen trenne und die Kunst von der Wissenschaft. Und Höller sei ganz klar im Reich der Kunst zu verorten. Das wird noch zu diskutieren sein, aber Kittelmann macht jedenfalls deutlich, dass er seinen Konfrontationskurs, der mit der umstrittenen Ausstellung des Tiermalers Walton Ford begann, weitergehen will.

Carsten Höller, „Soma“
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart
Invalidenstraße 50-51
Berlin-Mitte
5. November 2010 – 6. Februar 2011
Eröffnung: 4. November, 20 Uhr

www.somainberlin.org

Hotelzimmer – Nachts im Museum
Teil des Ausstellungskonzepts ist das Hotelzimmer in der Ausstellung. Nächte können zu einem Preis von 1000 Euro gebucht werden. Wöchentlich wird eine Übernachtung im Museum verlost. Informationen zum Gewinnspiel unter www.somainberlin.org

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

Ein Kommentar für “Soma | Carsten Höller”

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