– 28.10.2010

Am Anfang war die Angst. Für die Künstlerin und Filmemacherin Nathalie Djurberg weniger ein negatives, als ein produktives Gefühl. Mit Faszination an der Abseitigkeit knetet sie sich durch eine lüsterne Traumwelt von Sex, Gewalt und bösen Tieren. Schrecklich…
»Ich fürchte mich vor praktisch allem«, bekannte Nathalie Djurberg vor ein paar Jahren in einem Interview mit Ali Subotnick, der damaligen Kuratorin der Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst. Die Angst vor der Angst trieb die schwedische Künstlerin und Filmemacherin jedoch weder in die Isolation von Psychopharmaka noch auf die Einsamkeit einer Analytiker-Couch, sondern direkt in den Fokus der zeitgenössischen Kunstaufmerksamkeit. Denn mit der Angst wurde sie wenigstens eine ähnlich schlimme Geißel los, die Langeweile: »Die Sache mit der Angst ist, dass es dich ungemein anödet, wenn du dich mal weniger fürchtest, und das bringt dich manchmal dazu, gerade die Dinge zu forcieren, die dich jeden Moment wieder in Schrecken versetzen, sobald die Angst zurückkehrt.«

Djurbergs Kunst als bloße Do-It-Yourself-Psychotherapie misszuverstehen, hätte sie nicht so weit gebracht. Nach der Veröffentlichung ihrer ersten Filme noch als Geheimtipp gehandelt, ist sie spätestens mit ihrer Auszeichnung mit dem Silbernen Löwen von Venedig vor einem Jahr zu einer der wichtigsten Künstlerinnen ihrer Generation gereift. Denn Djurberg suhlt sich nicht selbstbezogen in der Introspektion ihrer Psychosen, sondern rührt an den Tabus, an den Urängsten einer Gesellschaft, die sich für medial so abgehärtet hält, vor nichts mehr Angst haben zu müssen, obwohl sie nur Aufarbeitung mit Verdrängung verwechselt.

Die wie fröhliche Kinderfilme mit Plastilin, Schaumgummi und Knete animierten Kurzfilme Djurbergs fantasieren über Sex und Gewalt, Unterdrückung und Machtmissbrauch, handeln von Schuld und ungesühntem Vergessen, Demut und Devotion. Dabei saugen sie die Blicke der zwischen Abscheu und naivem Genuss schwankenden Betrachter in den Plot wie ein Horrorfilm, dessen Wirkung auf die Anspannungsorgane man kaum ertragen kann, der aber trotzdem bis zum bitteren Ende konsumiert wird, mit der Konsequenz nachts hochzuschrecken und jeder knarrenden Diele entschieden mit Bluthochdruck zu begegnen.

Djurberg hat kein Erbarmen. Mit ihren Zuschauern nicht und schon gar nicht mit ihren Protagonisten. Da kämpft sich in »Camels Drink Water« ein verdurstender Beinamputierter durch die Wüste, um sich von Kamelen verhöhnen zu lassen. »Once Removed from My Mother’s Side« pflegt eine Tochter liebevoll ihre verfettete, wundgelegene Mutter, um dann letztlich von deren purer Körperlast erdrückt zu werden. Längst abgestillte Kinder flüchten in »It’s the Mother« zurück in den Mutterleib und bescheren ihrer Erzeugerin die erschreckende Erfahrung einer Schwangerschaft rückwärts. Der Spanner »Johnny« hat es auf drei Grazien abgesehen. Als Revanche bedrängen drei drallere Damen einen kleinen Jungen in »Happy Happy Hippoes«. Eine Frau lässt sich in »Tiger Licking Girl’s Butt« von einer Raubkatze befriedigen. Überhaupt immer wieder Tiere… Doch Djurbergs Filmwelt ist kein Zoo, eher ein Panoptikum menschlicher, tierischer und unmenschlicher Verhaltensweisen.

Institutionen wie Familie, Partnerschaft, Kirche oder Geschlechterdifferenz analysiert Djurberg als Orte diffusen bis dezidierten Schreckens. Und mit jedem neuen Missbrauchsfall in Jesuitenkollegs, reformpädagogischen Landschulen oder einfach nur österreichischen, belgischen, saarländischen oder brandenburgischen Einfamilienhauskellern wird dieser Schrecken realistischer. Die artifiziellen Filmkulissen und in Stop-Motion gedrehten Trickszenen bekommen plötzlich den Anschein der bösen Karikatur einer Wirklichkeit. Denn bloß in Djurbergs Märchenland sind es lediglich Knetfiguren, die zwischen den Röcken umherkrabbeln…

Untermalt von den naiv klingenden, aber die Atmosphäre der Plots kongenial unterstützenden Kompositionen von Djurbergs Partner, dem schwedischen Musiker Hans Berg, erinnern die Videoszenen entfernt an Bildideen surrealistischer Filmemacher wie Luis Buñuel und die eigentümliche Verwandlung ihrer Protagonisten an die Metamorphosen von Ovid. Noch näher dürften Djurberg aber der Südafrikaner William Kentridge sein, der den Animationsfilm in der bildenden Kunst hoffähig gemacht hat und der tschechische Experimentalfilmer Jan Švankmajer, der nicht nur die Kinderfilmproduktion der damaligen Tschechoslowakei, sondern auch den US-Regisseur Tim Burton nachhaltig inspirierte. Gemeinsam haben alle die Strategie, etwas Eigenartiges, Unwirkliches bis Unfassbares in einer pseudobanalen oder kindlichen Umwelt stattfinden zu lassen.

Nathalie Djurberg studierte an der Kunstakademie von Malmö, lebt seit einigen Jahren in Berlin und hatte ursprünglich als Malerin begonnen. Unzufrieden mit den Ergebnissen wendete sie sich der Plastik und dem Animationsfilm zu. Hauptsächlich entstehen ihre Installationen und Filmsets im Studio, in letzter Zeit hat sie aber auch begonnen, großformatige begehbare Environments zu entwickeln, in denen ihre Filme als Projektionen laufen. Von einfachen Betrachtern ihrer Filme versucht Djurberg ihr Publikum damit immer mehr auch zum aktiven Protagonisten ihrer Kunstwelt zu wandeln, etwa 2008 in der Fondazione Prada in Mailand, 2009 in der zentralen Ausstellung der Biennale di Venezia und in diesem Herbst mit einem Fokus auf Skulpturen in der Kestnergesellschaft Hannover und ihnen ihre ganz spezielle Wirklichkeit nahezubringen.

Was ist real? Was schon irreal? Was nur irr? Was surreal? Djurberg sprengt die Grenzen, will die »stillen Regeln« durchbrechen, »die Art, wie wir um die Dinge herumtänzeln, nur um zu vermeiden, zu nah an ihre Wirklichkeit heranzukommen.« Über die Vereinnahmung dieser totalen Künstlichkeit und die Besessenheit jede Einstellung selbst zu kneten, jedes Kostüm selbst zu nähen und sich jede ihrer abstrus erscheinenden Ideen selbst plastisch zu erformen, erreicht Djurberg so eine neue Art von Realismus, der mit Neo-Surrealismus unzureichend beschrieben wäre. Sie bezieht die Vorstellungskraft jedes Einzelnen mit der Heraufbeschwörung individueller Ängste mit ein. Sie taktiert nicht mit dem Tabubruch als Mittel des Spektakels, sondern um den Kern unserer Verdrängung aufzukratzen, regelrecht wund zu scheuern und so auf Schmerzen aufmerksam zu machen, an die wir uns, narkotisiert von der Reizüberflutung, allenthalben schon gewöhnt haben. Angst frei, Nathalie!

Alle Abbildungen: Nathalie Djurberg mit Musik von Hans Berg, „Snakes knows it’s Yoga“, Filmstill, 2010. Courtesy Nathalie Djurberg, Gió Marconi,
Mailand, Zach Feuer Gallery, New York © Nathalie Djurberg

Nathalie Djurberg
»Snakes Knows It’s Yoga«
Kestnergesellschaft Hannover, noch bis zum 7. November 2010
www.kestner.org

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

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