– 07.10.2010

Die Jury hat ihre Arbeit gut gemacht! Mit einer der besten Shortlists der letzten Jahre gab der Verein der Freunde der Nationalgalerie gestern Abend den Auftakt zum „Preis 2011“: Cyprien Gaillard, Kitty Kraus, Klara Lidén und Andro Wekua. Drei Bekannte und ein Unbekannter? Der georgische Künstler Andro Wekua hat nur vermeintlich den Außenseiterposten inne. Die New Yorker Übergaleristin Barbara Gladstone hat schon seit längerem ein Auge auf ihn geworfen und vertritt ihn seit mehreren Jahren. Mit seinen Arbeiten zwischen Malerei, Performance und Film ist von ihm eine bildgewaltige Vision für die Gruppenausstellung der Vier im nächsten Jahr zu erwarten (wie üblich im Obergeschoss des Südostflügels des Hamburger Bahnhofs).

Die Jury (Agenturchefin Mechthild Holter, der Leiter der Kunsthalle Düsseldorf Gregor Jansen, der Schauspieler Burghart Klaußner, die MACBA-Kuratorin Chus Martínez, Christiane Meyer-Stoll vom Kunstmuseum Liechtenstein, Matthias Mühling vom Münchner Lenbachhaus sowie Rein Wolfs vom Fridericianum Kassel) legt neuerdings viel Wert auf Film, betonte Vereinsleiterin Christina Weiss. Dass der Franzose Cyprien Gaillard da in der Shortlist auftaucht ist, verwundert nicht. Mit Arbeiten wie „Cities of Gold and Mirror“ hat er eine Ästhetik getroffen, die das viel gesuchte und selten gefundene Bindeglied zwischen Dokumentarfilm und bildender Kunst sein könnte. Wie ein Archäologe, der die Stücke, Tonscherben, Münzen und Gebeine, die er findet, zu einem möglichst lückenlosen Bild der Geschichte vervollständigen will, editiert Gaillard dokumentarische Fundstücke und setzt sie zu neuen Bildern zusammen. Ob im Film oder in Polaroid-Collagen. Das erinnert im Ansatz an die frühe Konzeptkunst Robert Smithsons, des James Dean der amerikanischen Land Art, der die industriellen Hinterlassenschaften seiner Ostküstenheimat untersuchte und in seine intellektuelle Matrix aus Wissenschaft und Kulturgeschichte einsortierte. Gaillard ist auch so ein Dekonstruktivist, er vandalisiert den Pop.

Kitty Kraus aus Heidelberg und die Schwedin Klara Lidén haben beide schon den Kunstpreis „blauorange“ gewonnen. Das sollte beide nicht daran hindern, mit dem Preis 2011 noch nachzulegen, gut dotiert ist er immerhin. Kraus balanciert mit großer Sicherheit zwischen den Disziplinen, sie montiert Lampen aus Spiegelplatten, die gar nichts von Design haben und lässt Tinteneisblöcke zerschmelzen um Zufallsmarkierungen auf Wand und Boden zu hinterlassen, ein Design der Unbeteiligtheit aber auch ein Verweis auf die Poesie von Fluxus und Happening. Kraus nimmt in der Shortlist wohl die zarte Position ein, die an ästhetischer Stärke aber absolut mithalten kann.

Lidén geht drastischer zu Werke. Etwa wenn sie einem Fahrrad mit einem Knüppel zu Leibe rückt, ähnlich wie Pipilotti Rist vor fünfzehn Jahren mit ein Blume Fensterscheiben zertrümmerte. Doch ist in Lidéns Video die Aggression nicht in humorvollen Pop gekleidet, sondern in die raue Bildsprache eines Dokumentarfilms. Rebellion und Unbeschwertheit, Leidenschaft und bloß keine Langeweile zeichnen ihre Arbeiten aus. Sie filmt Video, baut Installationen und Environments. Mit minimalen Mitteln erreicht sie maximale Aufmerksamkeit – und das allein ist eine Qualität.

Auf die Ausstellung zum Preis der Nationalgalerie kann man sich also freuen. Nach der spröden Show 2009 legt die Auswahl der Künstler und Künstlerinnen nun eine sinnliche und angriffslustige Präsentation nahe. Das Publikum in der Zentrale des Hauptsponsors des Preises, BMW, am Kurfürstendamm nahm die Bekanntgabe der Shortlist (drei Künstler waren anwesend) jedenfalls mit an Begeisterung grenzender Genugtuung auf.

www.preis2011.de

Text & Fotos> Marcus Woeller

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

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