– 24.09.2010

„Die Tür geht nach innen auf“, in der Pohlstraße 64. Dort tritt Tanja Wagner an, am Samstag Berlins jüngste Galerie zu eröffnen. Mit einer Gruppenausstellung von fünf Frauen (Mariechen Danz, Paula Doepfner, Sejla Kameric, Issa Sant und Angelika J. Trojnarski) und großem Selbstbewusstsein. Wir haben die Galeristin kurz vor der Eröffnung getroffen.

Tanja Wagner, am Samstag eröffnest du deine Galerie. Die Erfahrung hast du hauptsächlich bei Max Hetzler gesammelt?
Ich habe 2002 dort mein erstes Praktikum gemacht. Auch während meines Studiums bin ich immer mit der Galerie in Kontakt geblieben und war 2006 dann auch das erste Mal mit auf der Messe Art Basel. Dann war ich noch ein Semester in Paris und habe ein Praktikum im Centre Pompidou gemacht. Danach war ich zwei Monate in New York und habe am P.S.1 und bei der Gagosian Gallery gearbeitet. Und als ich wieder zurück in Berlin war, hat mich Max Hetzler gefragt, ob ich nicht fest für ihn arbeiten will. Das fand ich toll, es war aber auch Kamikaze, weil ich ja auch noch mein Studium zu Ende machen wollte. Aber ich wusste natürlich, dass es eine spannende Herausforderung wird, bei ihm zu arbeiten.

Unterstützt Max Hetzler jetzt dein Vorhaben mit einer eigenen Galerie?
Es war eine harte Schule bei Max Hetzler, das muss ich schon sagen. Aber er hat mich immer schon sehr unterstützt, auch als ich bei ihm gearbeitet habe. Die erste Ausstellung, die ich ich komplett betreut habe, war Ernesto Neto. Da war ich erst ein halbes Jahr in der Galerie und Hetzler hat gesagt: „Jetzt mach mal.“ Das war ein Sprung ins kalte Wasser, aber spannend! Ich genoss aber auch ein großes Vertrauen von Hetzler, dass er mich das hat machen lassen. Er hat wahrscheinlich immer gedacht, dass ich irgendwann mal meine eigene Galerie aufmache.

Deine Galerie ist in der Pohlstraße, bist du bewusst in die Gegend südliches Tiergarten / nördliches Schöneberg gegangen? Hier sind in letzter Zeit ja viele Galerien hingezogen.
Es war für mich vollkommen klar, dass ich nicht nach Mitte wollte. Und Wedding war zu nah zur Galerie Max Hetzler. Aber eingliedern in die Nachbarschaft anderer Galerien wollte ich mich natürlich schon. Deshalb blieb eigentlich nur nördliches Kreuzberg oder eben hier. Ich habe schnell gesehen, dass man vorort suchen muss, direkt in der Straße, die einem gefällt. Im Internet oder in der Zeitung findet man nichts. Der Laden, in dem ich jetzt bin, war auch gar nicht inseriert, noch nicht mal ein Schild war am Haus. Ich hab mich zum Vermieter durchgefragt – und hatte den Laden. Letztlich haben die Räume hier den Ausschlag gegeben. Und mit den Nachbarn bin ich auch sehr glücklich, nicht nur mit den Galerien. Das ist eine sehr spannende Ecke hier, ein ganz eingeschworener Kiez, mit allen Facetten. Aber total interessiert, die halbe Straße war hier schon drin. Die kommen einfach rein ohne Scheu. Das hätte ich nie gedacht.

Warum wolltest du nicht nach Mitte? Stirbt der Urkiez für Berliner Galerien langsam aus?
Wenn man als neue Galerie startet und junge Künstler zeigen will, dann will man ja nicht zum Establishment, sondern dort, wo es spannend ist. Und das ist Mitte einfach nicht mehr. So einen Raum mit 110 Quadratmetern könnte ich in Mitte außerdem niemals bezahlen.

Bist du mit den anderen Galerien in der Gegend hier im Kontakt?
Ja, ich habe mich vorgestellt und auch alle zur Eröffnung eingeladen. Viele wie Martin Klosterfelde, Matthias Arndt oder Sommer & Kohl kannte ich natürlich schon.

Du zeigst fünf Künstlerinnen in der Eröffnungsausstellung. Ist das schon ein Konzept?
Dass es alles Frauen sind, ist kein Konzept. Ich habe viel mit Freunden und Kollegen über Inhalte diskutiert. Und dann kam plötzlich so ein Kommentar: „Ich würde ja gern mal Frauen zeigen, aber es gibt ja keine starken Positionen.“ Und ich dachte, „das kann doch gar nicht sein.“ Und dann habe ich angefangen zu suchen. Natürlich interessiert es mich, Künstlerinnen zu fördern und zu unterstützen. Aber was gibt es da eigentlich? Ist das alles so klar? Männliche und weibliche Positionen? Irgendwann hat es sich dann verselbständigt, ich habe viele Atelierbesuche gemacht, auch bei Künstlern, aber irgendwie bin ich dann bei den Frauen hängengeblieben. Es hat mich sehr beeindruckt, so gute Positionen zu finden. Es sollen natürlich auch männliche Künstler hinzukommen. Aber ich kenne keine Galerie, die mit einem reinen Frauenprogramm angefangen hat.
Inhaltlich habe ich das Gefühl, dass es zurzeit einen neue Sensibilisierung gibt in der Kunst, dass es eben nicht mehr um so was Kaltes, Post-Konzeptuelles geht. Es gibt eine neue Strömung, ein großes Bedürfnis, die Aussage oder Theorie mit dem Material gleichzusetzen, also das, was man mit der Arbeit sagen will, genauso mit dem Material auszudrücken. Mir war es wichtig, dass die Kunst greifbar ist, dass der erste Schritt vom Kunstwerk ausgeht, dass du also nicht erst ein Konzept lesen musst, um überhaupt den Einstieg zu finden. Die Kunst soll einladen, dass war mir wichtig. Diese Gleichberechtigung zwischen Sichtbarem und Sagbarem. Themen sollen überhaupt angesprochen werden. Ich will keinen Formalismus oder Minimalismus, sondern dass es um Themen geht und die Künstler auch Aussagen machen sollen. Ein gutes Beispiel dafür ist Paula Doepfner mit ihren Utopien, auch wenn sie weiß, dass sie weder fassbar, noch erreichbar sind. Oder Angelika Trojnarski, die immer wieder zerbrechende, hinterlassene Orte malt. Sie will also etwas erreichen, auch wenn sie weiß, dass es nicht immer klappt.

Wolltest du unbedingt im kommerziellen Bereich des Kunsthandels? Du hättest dir ja auch vornehmen können, als Kuratorin zu arbeiten.
Ausschlaggebend für meine Entscheidung für die Galerie war wohl das Praktikum im Centre Pompidou. Das ist eine fantastische Institution, mit immer wieder tollen Ausstellungen. Aber es ist auch ein riesengroßer Apparat, und um da in eine Position zu kommen, in der man auch etwas entscheiden und inhaltlich umzusetzen kann, also das was man eigentlich will als Kurator, ist eine lange Durststrecke. Mir ist das zu langsam. Die Entwicklung einer Museumsausstellung dauert manchmal fünf Jahre. In der Galerie geht das viel schneller und ich habe den nahen Kontakt zu den Künstlern. Man ist das Scharnier zu allem eigentlich – zu den Kuratoren, zu den Sammlern, zu den Museen. Das empfinde ich als großes Glück. Dann habe ich es ja auch noch am P.S.1 versucht, und danach war mir völlig klar: Solche Institutionen sind nichts für mich. Und als Freelance-Kurator meinen kleinen Off-Space zu machen, das war mir auch zu wenig.

Wie planst du, dass deine Galerie kein finanzielles Fiasko wird?
Wenn man lange in einer Galerie gearbeitet hat, dann weiß man, was ansteht: Messebeteiligungen, Transporte, Produktionskosten, so was muss natürlich bezahlt werden. Und Rücklagen braucht jeder, der etwas startet. Also habe ich einen Businessplan aufgestellt, wie jeder andere auch, der ein Unternehmen gründet. Dann rechnet man eben aus und schaut, wie lange kann und wie lange möchte man das durchhalten. Aber danach weiß man dann eben auch, ob es etwas für dich ist, oder eben nicht. Ich habe jetzt nicht so knapp kalkuliert, dass nach einem halben Jahr schon alles blühen muss, aber ich gebe mir auch keine fünf Jahre um herumzukrebsen.

Du hast es ja sogar aufs Art Forum Berlin geschafft, bevor deine Galerie überhaupt eröffnet hat. Wie kam es dazu?
Das ist total verrückt – im Sektor Focus. Zwei Wochen nach Eröffnung stehe ich also schon auf meiner ersten Messe. Ich mache das zusammen mit Sabine Schmidt und ihrer PSM Gallery. Beim Art Forum gibt es jetzt ein neues Konzept. Der Sektor Focus ist jetzt nicht mehr das Anhängsel in einer eigenen Halle, sondern die jungen Galerien sind jetzt in der Mitte der beiden Ausstellungshallen, die etablierten Galerien drumherum. PSM hatte ursprünglich als Partner eine Galerie aus New York eingeladen, die aber kurzfristig abgesprungen ist. Dann hat sie mich vor zwei Monaten angerufen und gefragt, ob ich mitmachen will. Ich war geschockt, damals hatte ich ja noch nicht mal den Raum hier. Aber die Chance konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Also habe ich mich beim Art Forum beworben mit Mariechen Danz – und sie haben mich zugelassen. Für den Anfang kann einem einfach nichts Besseres passieren.


„Die Tür geht nach innen auf“

Galerie Tanja Wagner
Pohlstraße 64, 10785 Berlin-Tiergarten,
Eröffnung am Samstag, 25. September 2010, 18 – 21 Uhr
Performance von Mariechen Danz um 20 Uhr
www.tanjawagner.com

Interview & Fotos > Marcus Woeller

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

2 Kommentare für “Sichtbares und Sagbares | Galerie Tanja Wagner”

  1. WOLFGANG DEHNEL

    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH ZUR GALERIEERÖFFNUNG! BIN BEINDRUCKT VON KLARHEIT UND SCHÖNHEIT IHRER AUSTELLUNG UND DER WORTE IM INTERWIEW…BIS BALD…

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  1.  Kunstperformance bei der Galeristin Tanja Wagner. Heute Abend. | Private Curators

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