– 07.09.2010

Vor lauter Sehnsucht nichts verstanden? Gäbe es eine Auszeichnung für den schwächsten oder peinlichsten Länderbeitrag auf der Architektur-Biennale von Venedig, Deutschland hätte sich einen Löwen aus Wellblech oder Pressspan ins Regal stellen können. Seit Jahrzehnten gehört zur Teilnahme deutscher Künstler, Kuratoren und Architekten auch die Beschäftigung mit der problematischen Architektur des Deutschen Pavillons in den Giardini, dem Hauptausstellungsgelände der Biennale. Der war 1909 zunächst als Bayerischer Pavillon in antikisierend klassizistischem Stil erbaut worden, dann aber 1938 im Geschmack der Nationalsozialisten umgebaut worden, mit mächtigen Portalpfeilern und monumental prangenden „Germania“-Lettern. Die besten künstlerischen Auseinandersetzungen thematisierten auch immer dieses Nazi-Pathos des Gebäudes. Hans Haacke zertrümmerte beispielsweise den Boden und machte das Haus fast unbetretbar, Gregor Schneider baute sein berühmtes, dunkel-verschachteltes „Haus Ur“ in den Pavillon.

Wer sich zurzeit dem Deutschen Pavillon nähert, muss denken, die Kuratoren haben sich einen schlechten Scherz erlaubt. Zwischen den Pfeilern hängen schwere, braune (!), geraffte Vorhänge, der Hauptraum ist rot angestrichen und mit roten Cocktailsesselchen ausstaffiert, an den Wänden hängen zig Zeichnungen zum Thema „Sehnsucht“. Die hatte das Kuratorenteam „Walverwandtschaften“ (!!) um Cordula Rau, Eberhard Tröger und Ole W. Fischer nicht nur als zentrale Motivation für Kreativität, sondern auch als deutsches Thema ausgemacht – und die Architektenschaft gebeten, ihre Sehnsüchte in kleinen Zeichnungen auszudrücken. Die Beiträge nehmen die platte Aufgabenstellung mal geistlos-gelassen auf, mal versuchen sie ihr mit Sarkasmus zu begegnen. Doch in der Ausstellung egalisieren sich die DIN-A4-Skizzen nur zu einem Einheitsbrei der eher müde macht als neugierig und kaum die beschworene Sehnsucht weckt. Radikal ist dieser Beitrag nur in einem Sinne: den Deutschen Pavillon so harmlos aufzuhübschen, hat sich noch niemand getraut.

Eine eigenartige Sehnsucht plante im Vorfeld der Biennale auch den Präsidenten der Bundesarchitektenkammer Arno Sighart Schmid. Im fehlte der (in Venedig wirklich seltene) Blick aufs Wasser, also schlug er in Missachtung des italienischen Denkmalschutzes vor, den Pavillon abzureißen. „Es ist extrem schwierig, diesen schweren Klotz angemessen zu bespielen.“ Mit leichter Kost wird man diesen Klotz jedoch kaum zu Fall bringen.

Im nächsten Jahr wollte sich Christoph Schlingensief mit dem Haus abarbeiten, er war als Künstler für die Kunst-Biennale 2011 benannt worden. Daraus wird nun leider nichts. Was nach seinem Tod im Deutschen Pavillon passieren soll, wird momentan noch diskutiert, denn Schlingensief hätte bestimmt „ die Kraft und den Witz und die Intelligenz und auch die Hemmungslosigkeit gehabt, dieses Gebäude mit seinen ganzen Konnotationen einfach mal auf den Kopf zu stellen, und das wäre sehr wohltuend gewesen.“ (Susanne Gaensheimer, Kuratorin des Deutschen Pavillons 2011 und Direktorin des Museums für Moderne Kunst Frankfurt)

„Sehnsucht“, Deutscher Pavillon, Giardini, Venedig
www.sehnsucht-biennale.de
12. Internationale Architekturausstellung Biennale Venedig 2010
www.labiennale.org


Text > Marcus Woeller
Bilder > Susanne Röllig

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STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

Ein Kommentar für “Endstation Sehnsucht”

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