– 30.08.2010

Als Abkömmling einer japanischen Familie von Schwertschmieden destilliert Miya Ando Stanoff traditionelle, buddhistische Sujets, bis nicht mehr übrig bleibt als Stahl und eine Licht absorbierende Oberfläche. Die Licht- und Grauabstufungen und die spärliche Textur erweitern die Reduktion auf den Herstellungsprozess: Statt sie zu überziehen, schleift oder rostet die Künstlerin die Stahlplatten, bearbeitet sie mit Säure und Feuer und manipuliert ihre industrielle Wirkung, bis scheinbar widersprüchliche Arbeiten aus kühler Materialität und kontemplativer, fast spiritueller Stille entstehen. Miya Ando Stanoff – Tochter einer japanischer Mutter und eines russisch-jüdischen Vaters – wuchs in einem Tempel in Okayama und in Nordkalifornien auf, studierte in Berkeley und Yale und absolvierte eine Ausbildung bei einem japanischen Kunstschmied. Wir trafen die in Brooklyn, New York beheimatete Künstlerin, und sprachen mit ihr über Vergänglichkeit, Zen-Buddhismus und abstrakten Expressionismus.

Du bist in Japan und Kalifornien aufgewachsen. Wie lassen sich die zwei Pole aus intensiver, gemeinschaftlicher Spiritualität und dem amerikanischen Individualismus verbinden?
Ich lebte zwar in einem Tempel, er war aber auch zugleich mein Alltag. Die Religion ist ein so integraler Bestandteil, dass dir das nicht mehr auffällt. In meiner Familie bedeutet sie schlicht, sein Leben zu leben: »Wasche deine Hände, putze dir die Zähne, gehe beten, koche!« Allerdings entstamme ich einem sehr gemäßigt buddhistischen Hintergrund: Man darf heiraten, Kinder bekommen oder auch Alkohol trinken. Es geht im Kern darum, ein mitfühlendes, Anteil nehmendes Wesen zu werden, und das obliegt einzig der Verantwortung, die man sich selbst gegenüber hat.

Aber wie reift in einem so symbolüberladenen Umfeld die Idee zu Minimal Art?
Ich wusste früh, dass ich Künstlerin werden wollte. Aber ich wollte vor allem eine gedankliche Basis dazu bekommen. Was ist die Intention meiner Kunst? Mein Ziel war es, meine Familie und den Tempel zu repräsentieren und schon als kleines Mädchen faszinierten mich die Schwerter und der damit verbundene Familien-Mythos. Buddhismus und Schwerter sind seit jeher eng miteinander verknüpft, auf vielen Schwertern findet man zum Beispiel buddhistische Gebete. Ich fühlte die Verantwortung, etwas zu produzieren, das eine positive Geisteshaltung besitzt. Während ich also buddhistische Ikonografie studierte, ging es mir um die Frage, wie lässt sich eine Haltung visualisieren. In jeder Religion findet man didaktische Gemälde oder Skulpturen, die, selbst wenn man keine kunsthistorische Bildung hat oder vielleicht nicht einmal lesen kann, mit dem Empfänger kommunizieren und sagen: »Mach das nicht, bleib auf dem richtigen Pfad!« Diese Metaphorik wollte ich auf ein Minimum reduzieren und weiterentwickeln.

Wie kam es zu der Entscheidung, mit Stahl arbeiten zu wollen?
Stahl ist ein ruhiges Material, aber gleichzeitig reflektierend. Es ist elegant und subtil zugleich. Damit war es das geeignete Medium für mich. Es verband mich einerseits mit der buddhistischen Erziehung und meiner Familientradition,  andererseits mit meinem Vater, der als Automechaniker in Santa Cruz arbeitete. Von ihm lernte ich beispielsweise, dass Stahl mit Feuer seine Farbe verändert. Also begann ich zu experimentieren, das Material mit Sand zu bearbeiten, Schichten zu erzeugen, den Stahl durch Chemikalien mit Patina zu überziehen. Wichtig war, nicht das Material zu bemalen und es damit zu verändern, sondern die Oberfläche so zu manipulieren, dass es sich von selbst verändert. Etwas, woran ich seit kurzem arbeite, sind Hamons, die Härtelinien auf der Klinge traditionell japanischer Schwerter, die seit jeher als Zeichen der Seele des Schwertes gelten. Mich fasziniert diese wolkige Linie, das Weiche auf der stählernen Klinge, das beim Schmieden durch ein Temperaturgefälle im Härtebad entsteht.

Wie konzeptionell und zielgenau kann die Arbeit an einem Werk sein, für das man chemische und physikalische Reaktionen als Katalysator nutzt?
Meine Arbeiten sind weder Entdeckung noch glücklicher Unfall. Auch wenn ich mit Reaktionen experimentiere, mache ich das kontrolliert. Bei jedem Stück, das ich beginne, weiß ich von Anfang an, wie es schließlich aussehen soll und welche Schritte notwendig sind, um exakt dorthin zu gelangen.
Fühlst du dich im Umgang mit dem Material überlegen?
Meine Arbeit ist sehr physikalisch, die Hälfte der Zeit steht man im Dunklen, und Säuren, Chemikalien und Feuer machen den Umgang nicht berechenbar. Aber nachdem etwas durch stete Wiederholung zur Routine wird, hat es etwas Meditatives. In der völligen Absorption durch ein Ziel, verliert man jeglichen Sinn für sich selbst oder das eigene Ego. Das ist ähnlich wie die Übungen im Zen-Buddhismus und dessen abstrakte Aufforderungen wie »Sei der Berg!« oder »Sei der Pfeil!«

Siehst du dich in der Tradition abstrakter Expressionisten oder der Minimal Art?
Jeder, der mit reduktiver Bildsprache arbeitet, wird automatisch mit der minimalistischen Schule der Sechziger in Verbindung gebracht. Wenn ich mich selbst in eine dieser Linien einordnen muss, sehe ich mich eher in der Tradition von Agnes Martin. Deren Ästhetik war reduziert, aber eben nicht minimal. Man spürte die Emotion, das Gefühl hinter dem Stück, während es der Minimal Art vornehmlich um die Reinheit des Objekts ging. Doch Minimalismus ist nicht nur durch westliche Kunstgeschichtsstandards geprägt, sondern auch vom Zen-buddhistischen Reduktionismus.

Man braucht also einen unbewussten und weniger intellektuellen Zugang zum Betrachten deiner Bilder?
Wenn man in einen Zen-Tempel geht, ist dort nichts. Eventuell einen Tisch, aber selbst der hat die einfachste Form. Die Philosophie dahinter ist: Schleife dein eigenes Selbst, bis nichts mehr da ist, was nicht notwendig ist. Mir geht es immer um den Zweck meiner Kunst, und wenn sie als Auslöser zur Introspektion benutzt wird, ist das toll. Ich würde aber nicht sagen, dass meine Bilder emotional sind. Stahl hat eine kalte Substanz, eine kalte Farbe und wird üblicherweise als industriell begriffen. Eben etwas mit dem man Brücken baut und das permanent ist.

Aber wie lässt sich diese Permanenz überwinden?
Meine Bilder haben eine Stimmung und etwas Transformatives, eben dadurch dass Dinge plötzlich durch Lichtabsorption auftauchen oder verschwinden.
Das ist der Grund, warum das Material mich so fasziniert. Ich spreche von der Vergänglichkeit des Lebens, und sogar Stahl vergeht irgendwann. Selbst das beständigste Material ist also flüchtig.

Das klingt nach einem sehr positiven Verständnis unserer Vergänglichkeit.
In der Tatsache, dass alles vergänglich ist, liegt etwas sehr Wahrhaftiges. Der Moment, in dem man die Schönheit eines Objekts mit dem Wissen seiner Vergänglichkeit erkennt, wird kostbar und so ist diese Vorstellung wunderbar und traurig zur gleichen Zeit.

all images: Miya Ando Stanoff
/ miyaando.com

Interview >  Julia Christian

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

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