– 04.08.2010

Bei knapp 40°C treffen wir im Schatten einer Cafè-Markise in Berlin-Friedrichshain auf die beiden jungen Produzenten hinter Mount Kimbie, dem höchsten Berg seit es Post-Dubstep gibt. Kai Campos und Dominic Maker sind Anfang Zwanzig, allürenfrei und unverdorben, vielleicht die beste Voraussetzung um eines der originärsten Alben des Genres hervorzubringen. „Crooks&Lovers“ gerät zu einem Meisterwerk, das Gesangsfetzen, Indie-Popmelodien und sanfte R&B-Anklänge kongenial verwebt, ein Album das wir nicht nur Kennern der Szene ans Herz legen wollen. Wer auf der Suche nach vielschichtiger, moderner elektronischer Musik an Wiederholungen und Plattitüden verzweifelt, findet mit Mount Kimbie vielleicht zurück ins gelobte Land.

Als erstes muss ich euch nach dem Cover fragen…
Kai Campos: Ach zeig mal, das hab ich so noch gar nicht gesehen.

Wenn man eure Musik kennt und dann das Cover sieht fragt man sich: Was war denn da los mit euch? Wieso habt ihr gerade dieses Bild ausgewählt?
KC: Wir wollten, dass sich ein bestimmtes Thema durch die Konzeption des Albums, des Artworks, die Videos etc. zieht. Wir verbringen eine Menge Zeit in South London und das ist eine Straßenszene von dort, ein Stück der High Street, ganz in der Nähe von uns. Es ist also einfach eine Repräsentation der Gegend aus der wir kommen um den Leuten ein Gefühl für unser Umfeld zu geben.

Ihr versucht euch also nicht, ähm…
KC: Nein, es geht nicht so sehr um den Hintern (lacht).
Dominic Maker: Es ist einfach ein spannendes Bild, ein Teil von uns…

Es wirkt auf mich wie eine Parodie auf die vielen Tits&Ass-Stereotypen im Hip-Hop…
KC: Der Hintern sollte wirklich nicht so im Vordergrund stehen.

Tja, er ist eben einfach sehr DA… aber okay, Rätsel gelöst.
KC: Auf dem fertigen Album geht das Bild noch auf dem Innencover weiter und man sieht mehr von der Straßenszene.

Eure Musik wurde mit dem Stempel „Post Dubstep“ versehen. Könnt ihr etwas mit diesem Label anfangen oder erscheint euch das seltsam?
DM: Ich kann verstehen, warum wir so genannt werden, einfach weil wir uns nicht wirklich wie Dubstep anhören, aber aus einem ähnlichen Zeit- und Raumgefüge stammen und natürlich von Dubstep beeinflusst sind. Ich habe kein Problem damit.

Hat sich eure musikalische Sozialisation schon früh um britische Stilarten wie Grime, Garage, Dubstep und so weiter gedreht?
DM: Ja, wir sind von Anfang an in London zu Dubstep ausgegangen, und früher – wir kommen beide vom Land – war ich geflasht, als ich die ersten cheesy Garage-Tracks gehört habe. Es gab diesen schrecklichen Musikkanal Channel U, und der war einfach Spitze.
KC: Das war vielleicht nicht meine Hauptinspiration, wir haben beide mit analoger Musik angefangen und in Bands gespielt, Drums, Gitarre und so weiter. Aber Dubstep und Dance Music hat uns auf jeden Fall zusammengebracht.

Wie habt ihr euren besonderen Stil entwickelt?
KC: Anfangs kam das durch unser Scheitern zustande, die üblichen großen, wobbeligen Dubstep-Tracks zu machen, wir konnten das einfach nicht sehr gut und das führte dazu, dass wir eine eigenständige Form entwickelten, die unterbewusst auch davon beeinflusst wurde, dass wir damals nicht ausschließlich Dubstep hörten.
DM: Und dann haben wir gemerkt, dass etwas Spannendes entsteht, wenn wir weiter diesem Weg folgen.

Ich habe euch während der letzten Transmediale in Berlin live gesehen und drei auf der Bühne gezählt, was ist mit dem dritten Mann passiert?
KC: Der ist berühmt geworden! Das war James Blake.
DM: Als wir anfingen live zu spielen, haben wir James mit dem wir gut befreundet waren, gefragt ob er uns unterstützt, er hat aber auch währenddessen immer an seinen eigenen Produktionen gearbeitet und nicht gemeinsam mit uns an unseren Tracks geschrieben, es war also von vorneherein als temporäre Sache gedacht.

Das Format Album wurde bisher mehr schlecht als recht von euren Künstlerkollegen ausgefüllt, „Crooks&Lovers“ aber funktioniert perfekt als Longplayer, wie sah euer Konzept aus?
DM: Ich glaube wir sind uns sehr bewusst darüber, das sich Dance-Music im Album-Format nicht immer besonders gut macht, und es ist schade, dass so viele unter dem Druck stehen, ein Album produzieren zu müssen, manche Musik eignet sich einfach nicht dafür, funktioniert nicht im Kontext und sollte das auch gar nicht. Ich habe mit Joy Orbison darüber gesprochen und er erzählte mir, dass er natürlich etliche Angebote bekommt, Alben zu produzieren, er aber immer ablehnt, weil er nicht findet, dass sich das für seine Musik anbietet, was ich sehr vernünftig finde. Wir waren uns also der schwierigen Aufgabe voll bewusst. Wir dachten aber, das so wie wir an unsere Musik herangehen, ein Album durchaus machbar wäre und wir all unserer Facetten zeigen könnten.
KC: Es hat sich ganz natürlich und richtig angefühlt, wir mussten nichts künstlich verlängern oder uns verändern.
DM: Trotzdem war es eine große Herausforderung, wirklich sehr unterschiedlich zu der Arbeit an einer 4-Track EP.

Man kann immer wieder Garage-Zitate oder Referenzen zu anderen Musikstilen auf „Crooks&Lovers“ entdecken, ohne dass sie im Mindesten aufgesetzt, kopiert oder zu aufdringlich wirken, wie geht das?
DM: Das ist ein ganz natürlicher Prozess, ich wollte nie z.B. „nur“ ein Garage-Producer sein oder sowas, wir tragen diese Zitate mit uns herum, sie kommen zum Vorschein ohne von uns explizit abgerufen zu werden.
KC: Vielleicht erklärt sich das auch aus der Art wie wir miteinander arbeiten, wir wohnen nicht mehr in der gleichen Stadt, wir schicken uns Ideenschnipsel als Files hin und her, reden manchmal drei Monate nicht über eine Idee, holen sie dann wieder hervor und arbeiten weiter daran, vielleicht beeinflusst auch das die Strukturen unserer Tracks.

Wen möchtet ihr mit eurer Musik erreichen? Wer ist euer Publikum?
DM: Ich weiß nicht (lacht).
KC: Es ist sehr interessant live zu spielen, du siehst das Publikum, immer ein anderes, je nachdem in welchem Land, in welcher Stadt du gerade bist. Weil wir so viele verschiedene Einflüsse herumspielen, gefällt die Musik sehr unterschiedlichen Leuten, vielleicht sogar jemandem der Rock-Musik mag.

Euer The-XX-Remix hat euch einiges an Aufsehen gebracht, war der offiziell?
KC: Ja, und es war sehr gut den zu machen, das hat uns sehr positive Reaktionen eingebracht von Leuten die uns bis dahin nicht kannten.

Wird es Remixe von euren Albumtracks geben, oder möchtet ihr nicht, dass andere Musiker Hand anlegen an eure Songs?
DM: Das wissen wir noch nicht genau, wir haben noch nicht darüber gesprochen, es ist ein so langwieriger Prozess ein Album herauszubringen, es gibt noch viel zu tun.

Eure Tracks klingen sehr emotional, sehr seelenvoll, als würde man die verborgensten Gefühle eines anderen erzählt bekommen, sind das eure eigenen Geschichten und Emotionen?
DM: Ich mag durchaus auch sehr technische, unemotionale Musik, wie manche Spielarten von Techno, machen wollen wir das aber nicht. Es soll ein bisschen so sein, wie wenn du als Teenager Musik hörst und total davon gefangen wirst. Wenn ich diese Gefühle in Worte fassen könnte würde ich es tun aber ich ziehe die Vieldeutigkeit von Musik vor.

Ihr lasst euch auch von Indie begeistern, wer sind eure Favoriten?
KC: Definitiv The XX, es ist wirklich schwer von ihnen loszukommen, wir haben das Album nonstop gehört.
DM: Kennst du Micachu and the Shapes? Fantastisches Album, sie haben leider nicht genügend Aufmerksamkeit bekommen, ich konnte das gar nicht fassen.

Absolut, das war auch eines meiner Lieblingsalben vom letzten Jahr, wirklich neue Ideen und leider viel zu wenig Erfolg.
DM: Sie ist ein Genie, sie ist wie James (Blake), das passiert so selten, dass du Künstler hast, aus denen all das einfach heraussprudelt.
KC: Jeder Song ist fantastisch!

Wow, ihr seid wirkliche Fans! Wie ist das mit euch, möchtet ihr für den Rest eures Lebens Musik machen?
KC: Im Moment auf jeden Fall! Es ist wunderbar…

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=-Fnv1CpfMq8[/youtube]


Mount Kimbie

“Crooks&Lovers”
Hotflush
www.myspace.com/mountkimbie

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

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