– 16.07.2010

Jedes Jahr am zweiten Juli-Wochenende ereignet sich nahe der schottischen Kleinstadt Kinross in der ländlich beschaulichen Grafschaft Perthshire nördlich von Edinburgh Eigenartiges: Was sonst als sattgrüne Wiese sein Dasein fristet, verwandelt sich für vier Tage in einen überdimensionierten, ziemlich schlammigen Freizeitpark mit hochkarätigster musikalischer Beschallung.

Aus dem ganzen Königreich reist eine unüberschaubare, in ihrer Inhomogenität kaum zu überbietende Masse an Feierwütigen an, die im Großen und Ganzen ganz offensichtlich nur eines im Sinn hat: Saufen und mal wieder so richtig Abspasten. Zeit für „T in the Park“ – neben Glastonbury, Leeds und Reading das größte Festival auf der Insel.

Vor einigen Tagen war es wieder soweit. Traditionsgemäß gab es bereits im November innerhalb weniger Stunden nach Verkaufsstart kein einziges Ticket mehr für das bedeutende Spektakel im Matsch und so konnte sich glücklich schätzen, wer sieben lange Stunden Schlange stehen durfte, um unter 84.999 anderen Festivalbesuchern sein Zelt aufzuschlagen. Bei 12 Grad und Nieselregen wurde dann erstmal kollektiv gebechert und der gute Geschmack endgültig hinter die drei Meter hohen Holzplanken rund um das hermetisch abgeriegelte Gelände verbannt. Fraglos eine britische Paradedisziplin.

In den nächsten Tagen bekam ich eine definitive Überdosis an weiblichen Brüsten, auf freier Fläche schamlos urinierenden männlichen Geschlechtsorganen und ganz allgemein nackter Haut zu Gesicht. Ich sah Hektoliter guten, englischen Bieres durch die Luft fliegen, verlor aufgrund ohrenbetäubender Gesänge wie „Here we, here we, here we fucking go!“ zeitweise mein Gehör und wurde von tausenden Schotten nur wegen einer deutsche Flagge auf dem Rücken herzlichst geküsst oder sogar angebetet.

Die Musik schien für viele der auf irgendeine Weise sympathisch asozialen Besucher von „T in the Park“ lediglich als schmückendes Beiwerk zu fungieren. Viel mehr legte man Wert darauf, die kurze Zeitspanne fernab des Alltags maximal auszukosten – ob dabei nun Muse auf der Bühne standen oder man sich besoffen und voller Lebensfreude im Schlamm vor seinem instabilen Heim auf Zeit suhlte.

Während sich Männer wie Frauen am traditionellen „Fancy Dress Friday“ gewollt oder ungewollt als Frau Antje, Kondom oder stilloser Schotte verkleideten, sorgten Faithless mit „Insomnia“ auch nach 15 Jahren für unvergessliche Massen-Euphorie. Kids In Glass Houses hielten dem Brit Rock die Stange, Kele ließ gute alte “Bloc Party”-Zeiten aufleben und 30h!3 gaben vor ausrastender Menschenmenge ihren dauerbrennenden Electro-Pop-Track “Don’t Trust Me” zum Besten. Aus der Ferne konnte man am Abend Fergie von den Black Eyed Peas erahnen, die sich zu Liedern, die ausschließlich aus Bass bestanden, mit Stahlfingernägeln zwischen den Beinen rumfummelte.

[slideshow id=257]

Samstags gaben die üblichen Festival-Verdächtigen wie The Prodigy ihr Können zum Besten und bewiesen dank gebrochener Arme im Mosh Pit, dass sie es auch 2010 immernoch drauf haben. Die Stereophonics und vor allem Paolo Nutini schlugen vergleichsweise wesentlich ruhigere Klänge an, zu denen sich hervorragend im Regen entspannen und auf einen reichlich verspäteten Eminem warten ließ, dem ich allerdings Julian Casablancas vorzog. Es leben die Strokes und das Zeug, das der arme Junge sich vor seinem Gig eingeschmissen hat!

Während einige Kilometer entfernt in schottischen Dorfkirchen der wöchentliche Gottesdienst begangen wurde, eröffnete eine hervorragende Ellie Goulding mit ihren elektronisch angehauchten Gitarren-Kompositionen den Final-Sonntag. Es folgte ein äußerst putziger Pete Doherty, dessen Babyshambles auf der großen Bühne und vor auffallend kleinem Publikum zwar leicht verloren schienen, die den harten Kern ihrer Anhängerschaft dafür aber umso besser unterhielten.

Beth Ditto trank, was man ihr vor die Füße warf und nahm sich nass geschwitzt von einer mitreißenden Performance sogar Zeit für einen anschließenden Plausch an der Bühnenabsperrung. Empire of the Sun und Goldfrapp legten daraufhin zwar extrem glitzernde und flackernde Shows auf’s Parkett, vor allem Alison Goldfrapp schaffte es allerdings irgendwie nicht, den Eindruck zu übertünchen, dass sie warum auch immer von ihrem Leben gelangweilt ist.

Zum Glück sorgte ein ganz und gar unvorzeigbarer David Guetta und sein Dj-Set, das zum größten Teil aus Auf-die-Fresse-Mitgröhl-Techno bestand für eine gigantische, nach Schweiß stinkende 15.000-Mann-Absturz-Party im an diesem Wochenende lieb gewonnenen „King Tut’s Wa Wa Tent“ direkt neben der Main Stage, die zu dieser Zeit von Jay-Z und Kasabian bespielt wurde.

Eine ganz und gar schamlose Veranstaltung, bei der die herkömmliche Festival-Coolness nur von einer kleinen Minderheit vertreten wurde und wo deshalb von Herzen ehrlich auf den Putz gehauen werden durfte.

Der Montag diente abschließend dazu, die verbliebenen Bier-Vorräte zu killen und dabei euphorisiert die Zelte anderer Leute zu zertreten, während die euphorisiert das eigene Zelt zertraten.

Nun erfüllen die grünen Wiesen rund um Kinross wieder ihren friedlichen Dienst als schottisches Postkarten-Idyll. „T in the Park“ ist vorbei, das Volk hat sich wieder angezogen und trinkt zum Frühstück Tee statt Bier. Bis zum nächsten Jahr.

Bilder + Text > Marcel Maciej

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

Ein Kommentar für “T in the Park 2010 | So war’s”

  1. Axel

    Genauso war es – aber immer wieder schön!
    Bin seit vielen Jahren dabei – mein absolutes Lieblingsfestival!
    Die herzlichen Schotten machen das oft grenzwertige Wetter allemal wieder wett.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>