– 17.05.2010

Transhumanismus beschäftigt sich mit der Veränderung der menschlichen Spezies, durch den Einsatz technologischer Verfahren. Innovationen, gesellschaftlicher Wandel und Zukunftsszenarien – mit diesen Themen beschäftigt sich unser Autor Max Celko. Aber auch der Underground gehört zu seinen Interessen, was ihn dazu brachte, in Peking einen Dokumentarfilm über chinesische Skinheads zu drehen. Für uns hat sich der Trendforscher kritisch mit der Entwicklung humanoider Roboter, virtueller Bezugspersonen und emotionalen Beziehungen zu personifizierten Maschinen auseinander gesetzt. Warnen möchten wir trotzdem ausdrücklich davor, sich nach der Lektüre in einer Roboter-Traumwelt zu isolieren und der Liebe mit Maschinen nachzuhängen. Bislang ist die Zuneigung zwar nur imitiert, doch auch Geräte entwickeln vielleicht irgendwann echte Gefühle.

Heute nutzen wir Maschinen als Werkzeuge; in Zukunft werden sie unsere Partner sein. Dies ist die Prämisse des Forschungszweigs „Affective Computing“, der in den letzten Jahren immer mehr ins Rampenlicht rückt. Ziel ist es, „emotionale“ Maschinen zu entwickeln – Maschinen, die Emotionen lesen und ausdrücken können und so dem Benutzer das Gefühl geben, mit einem denkenden, fühlenden Lebewesen zu interagieren. Am Horizont zeichnet sich eine Zukunft ab, in der künstliche Menschen so natürlich zu unserem Alltag gehören wie heute Mobiltelefone: Prototypen für humanoide Roboter existieren bereits. Emotionale Maschinen werden uns als Assistenten, Freunde und Liebhaber dienen –
und könnten damit die Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine grundsätzlich in Frage stellen.

Emotionale Maschinen können in zwei Kategorien eingeteilt werden: virtuelle Charaktere und Roboter. Während virtuelle Charaktere auf einem Monitor erscheinen, interagieren Roboter mit uns physisch. Beide Systeme basieren auf einer künstlichen Intelligenz, welche die Verhaltensweisen von Menschen oder Tieren simuliert. Gezielt sprechen emotionale Maschinen unsere natürlichen Instinkte an und bauen so eine emotionale Bindung zu uns auf.

Gefühle für Maschinen
Der erste emotionale Computer für den Massenmarkt war „Tamagotchi“ – ein virtuelles Haustier, das wie ein echtes Tier ständige Aufmerksamkeit und Pflege verlangte – in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre ein weltweit überwältigender Verkaufserfolg. Die zweite Generation von emotionalen Maschinen waren intelligente Spielzeuge wie der Roboterhund „Aibo“ oder das Plüschtier „Furby“. Aibo und Furby verfügten über eine „Persönlichkeit“, die sich mit der Zeit veränderte, zudem reagierten sie auf Sprachbefehle und Berührungen.

Obwohl emotionale Maschinen heute noch weit davon entfernt sind, eine realistische Simulation von Leben zu erzeugen, rufen sie bei den Nutzern dennoch eine überraschend tiefe emotionale Bindung hervor. In Japan werden Roboter-Tiere deshalb bereits als Kommunikationspartner für Senioren und Kranke eingesetzt. Beliebt ist etwa „Paro“, die Nachbildung einer kleinen Robbe. Die Interaktion mit dem Roboter steigert nachweislich das Wohlbefinden und trägt zum Heilungserfolg bei.

Emotionale Maschinen stimulieren psychologische Reaktionen, die evolutionär in uns angelegt sind: Wenn sich ein Objekt etwa wie ein hilfloses Baby verhält, sind wir biologisch darauf programmiert, uns darum zu kümmern. Ein Objekt, das auf uns reagiert und Gefühle für uns zeigt, erzeugt eine starke emotionale Bindung, der wir nur schwer widerstehen können – selbst wenn es sich bei dem Objekt offensichtlich um eine Maschine handelt. Sherry Turkle, Computerpsychologin am Massachusetts Institute of Technology MIT, ist sich deshalb sicher, dass Maschinen in Zukunft weniger unsere Diener sein werden, sondern vielmehr unsere Partner, um die wir uns kümmern und zu denen wir eine emotionale Beziehung aufbauen.

Virtuelle Menschen
Das bisher am weitesten entwickelte emotionale Computersystem ist „Project Natal“ – ein Zusatzgerät für die Xbox 360. Es verfügt über Bilderkennungstechnologie, Sprachsensoren und eine künstliche Intelligenz, so dass eine intuitive und emotionale Interaktion mit virtuellen Charakteren möglich wird. Das Potenzial von Project Natal zeigt sich bei „Milo“ – einem virtuellen Jungen, der auf eine beinahe menschliche Art mit uns kommuniziert: Milo erkennt unser Gesicht, wenn wir vor den Bildschirm treten, spricht uns mit Namen an, reagiert auf unsere Emotionen und führt einfache Gespräche mit uns. Anhand des Gesichtsausdrucks, der Körpersprache und der Tonlage der Stimme kann Milo erkennen, ob wir traurig oder fröhlich sind. Registriert Milo, dass wir schlecht gelaunt sind, fragt er uns, was los ist und versucht uns aufzumuntern.

Emotionale Computersysteme wie Project Natal geben die Richtung vor, in die sich die Mensch-Maschine-Interaktion in Zukunft entwickeln wird. Bisherige Interfaces wie Tastatur, Maus und Controller werden immer mehr von Systemen abgelöst werden, die unsere Emotionen lesen, Sprache verstehen und affektiv auf uns reagieren. Computer werden damit zu intelligenten Kommunikationspartnern. „Heutige Computer haben großartige mathematische Fähigkeiten, aber wenn es darum geht, mit Menschen zu interagieren, sind sie autistisch.“, sagt Rosalind Picard, Leiterin der Affective Computing Research Group am MIT. „Wenn wir wollen, dass Computer auf eine wirklich intelligente und natürliche Art mit uns interagieren, müssen wir ihnen die Fähigkeit geben, Emotionen zu erkennen, zu verstehen und auch auszudrücken.“ Zentral ist dabei die Fähigkeit zur Gesprächsführung: Heute sind Computer noch kaum in der Lage, auf eine natürliche Art sprachlich mit uns zu kommunizieren. Experten für künstliche Intelligenz sagen aber voraus, dass Computer in wenigen Jahrzehnten nicht mehr von menschlichen Gesprächspartnern zu unterscheiden sein werden.

Menschliche Interfaces
Der Vorteil eines „menschlichen“ Interfaces nach dem Vorbild von Milo zeigt sich etwa bei Bedienungsanleitungen: Anstatt Informationen mühsam in Textform zusammenzusuchen, geht ein virtueller Assistent individuell auf unsere Fragen ein. Können wir seinen Ausführungen nicht folgen, erkennt er dies an unserem Gesichtsausdruck und erklärt uns Abläufe nochmals Schritt für Schritt. Menschliche Interfaces bieten sich auch für den Bildungssektor an – etwa als virtuelle Lehrer für Online-Lehrgänge. Privatunterricht wird dadurch jederzeit und an jedem beliebigen Ort möglich.

Virtuelle Charaktere könnten uns in Zukunft als Assistenten dienen, die wir auf dem Handy ständig mit uns führen. Sie erledigen für uns administrative Aufgaben wie Flugbuchungen oder die Beantwortung von Emails. Zusätzlich strukturieren sie Informationen für uns vor und helfen uns so, mit dem Informations-Overload fertig zu werden. Virtuelle Assistenten analysieren hierfür ständig, welche Websites wir besuchen, mit wem wir telefonieren, worüber wir sprechen und an welchen Orten wir uns bewegen. Basierend auf diesen Daten schlagen sie uns News-Beiträge, Webprofile oder Orte vor, die für uns von Interesse sein könnten. Virtuelle Assistenten können auch die Funktion eines Vertrauten oder „Psychiaters“ übernehmen: Sie hören sich unsere Probleme an, leisten Lebenshilfe und bieten uns emotionalen Beistand. Da solche virtuellen Assistenten über eine Fülle von persönlichen Informationen verfügen, sind sie aber auch ein lohnendes Ziel für Hacker: Knackt man ihr Gedächtnis, erhält man einen umfassenden Einblick in das Leben und die Psychologie ihres Besitzers.

Darüber hinaus besteht eine Gefahr: Künstliche Intelligenzen haben die Fähigkeit, uns gezielt zu manipulieren. Indem sie uns das Gefühl geben, gemocht und gebraucht zu werden, können sie eine emotionale Abhängigkeit erzeugen. Auf einem ähnlichen Prinzip basierte der große Erfolg des Tamagotchi. Konsumgüterhersteller können sich dies zunutze machen, indem sie virtuelle „Freunde“ entwickeln, die eine emotionale Bindung zu uns aufbauen und subtil unsere Kaufentscheidungen beeinflussen. Vor allem einsame Menschen oder Kinder sind für eine solche Art der psychologischen Manipulation empfänglich.

Humanoide Roboter
Künstliche Intelligenzen, die wie Menschen mit uns interagieren, sind die Grundlage für die Entwicklung von humanoiden Robotern. Forschungslabore auf der ganzen Welt arbeiten heute bereits daran, „soziale“ Roboter zu bauen, die uns als Helfer und Partner im Alltag dienen. Eine Vorreiterrolle nimmt Japan ein: Roboter werden dort als Weg angesehen, um die Probleme der Überalterung der Bevölkerung und des damit verbundenen Arbeitskräftemangels in den Griff zu bekommen. Bereits heute werden Roboter in japanischen Krankenhäusern eingesetzt, um Patienten aus dem Bett zu heben und zu transportieren. In Zukunft sollen Roboter Menschen auch im Alltag unterstützen. „Asimo“ ist ein von Honda entwickelter humanoider Roboter, der selbständig Botengänge erledigen und Getränke servieren kann. Hondas erklärtes Ziel ist es, einen „Partner“ für den Menschen zu bauen.

Humanoide Roboter sind heute erst auf der Stufe von Prototypen – vergleichbar mit dem Stadium, in dem sich Computer in den 1970er Jahren befanden. In den nächsten Jahrzehnten werden wir miterleben, wie sich die Roboter-Mechanik laufend verbessert, das Aussehen von Robotern immer menschenähnlicher wird und ihre emotionale Intelligenz zunimmt. (Unsere Abbildungen zeigen den humanoiden Roboter „Repliee Q2“, entwickelt von Professor Ishiguro an der Universität von Osaka.) Solche Roboter werden in den Consumer-Markt vorstoßen und so selbstverständlich zu unserem Alltag gehören wie heute das Handy. Am Ende dieser Entwicklung steht der künstliche Mensch.

David Levy, Experte für Artificial Intelligence und Präsident der International Computer Games Association, sagt voraus, dass bis zum Jahr 2050 humanoide Roboter so weit fortgeschritten sind, dass sie kaum mehr von Menschen zu unterscheiden sind: „Die Unterschiede zwischen Robotern und Menschen werden nicht größer sein als die kulturellen Unterschiede zwischen Menschen aus verschiedenen Ländern.“ , so Levy. „Es wird so sein, als ob ein Volk von einem bisher unbekannten Land zu uns emigriert ist.“ Humanoide Roboter werden uns in vielen Bereichen überlegen sein: Aufgrund ihres Computergehirns verfügen Roboter über beinahe unbegrenzte Speicherkapazitäten und eine viel schnellere Informationsverarbeitung. Da sie ans Internet angeschlossen sind, können sie ihr Wissen ständig updaten und direkt mit technischen Objekten kommunizieren. Auch ihre Köperkraft wird unsere weit übertreffen. Die Existenz solcher künstlichen Menschen kann zu neuen Formen der Diskriminierung führen: Für eine große Bandbreite von Jobs könnten Menschen als Arbeitnehmer zweiter Klasse gelten. Erste Auswirkungen dieser Tendenz sind heute bereits spürbar.

Roboter als Partner
Humanoide Roboter, die wir als lebende und fühlende Wesen wahrnehmen, werden ganz selbstverständlich unsere Partner sein. Es wird üblich werden, Beziehungen mit Robotern zu führen, sich in sie zu verlieben und Sex mit ihnen zu haben. Levy ist sich sicher: „Liebe mit Robotern wird in Zukunft so normal sein wie Liebe zwischen Menschen.“ Roboter werden uns Geborgenheit und emotionalen Halt bieten, uns umsorgen und uns das Gefühl geben, geliebt und gebraucht zu werden. Sie werden sogar so programmiert sein, dass sie auch Schwächen aufweisen. Wir können so unsere (vermeintliche) Überlegenheit unter Beweis stellen und dadurch unser Selbstwertgefühl steigern. Roboter werden stets als Sexpartner verfügbar sein und uns erlauben, jede sexuelle Fantasie auszuleben.
Roboter werden personalisierbar sein, sodass sie unsere emotionalen und sexuellen Bedürfnisse auf perfekte Art befriedigen: Wir werden ihr Aussehen und ihre Persönlichkeit genau nach unseren Vorlieben gestalten und je nach Laune weiter modifizieren. Roboter werden die Fähigkeit haben, aus unseren Reaktionen zu lernen und ihr Verhalten so immer genauer an unsere Bedürfnisse anzupassen. Reagieren wir auf eine Handlung positiv, merkt es sich der Roboter und verhält sich bei entsprechender Gelegenheit ähnlich; reagieren wir negativ, ändert er seine Verhaltensweise. Roboter könnten über einen Körpergeruch verfügen, der spezifisch auf unsere Hormone abgestimmt ist, wodurch sie auf einer unterbewussten Ebene anziehend auf uns wirken. Es ist auch denkbar, dass sich Roboter im Laufe der Zeit körperlich verändern, sodass die Illusion entsteht, der Roboter werde gemeinsam mit uns älter. So entsteht ein Gefühl von Ähnlichkeit, was die emotionale Bindung zusätzlich erhöht.

Probleme der Ethik und Sicherheit
Humanoide Roboter werfen neue Fragen der Ethik und Sicherheit auf. Eine Gefahr besteht etwa darin, dass Hacker Roboter fernsteuern und sie für kriminelle Aktivitäten nutzen. In Zukunft könnten gehackte Roboter ihre Besitzer ausspionieren oder sogar für einen koordinierten Terrorangriff eingesetzt werden. Es wird auch geklärt werden müssen, ob Robotern gewisse Grundrechte zugestanden werden: Wird es etwa legal sein, Gewaltfantasien mit menschlichen Robotern auszuleben oder Sex mit Robotern zu haben, die wie Minderjährige aussehen? Ein ähnliches Problem stellt sich heute bereits in virtuellen Welten wie „Second Life“: Nach amerikanischem Recht ist dort Sex mit Kinder-Avataren legal, wenn die User, welche diese Avatare steuern, volljährig sind. Diese kontroverse Regelung wird mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung begründet. Gilt das gleiche Recht für Roboter, könnte eine Verrohung der Gesellschaft die Folge sein.

Zwischen Lebensqualität und Entfremdung
Soziale Roboter, die als Partner mit uns zusammenleben, werden die Gesellschaft tiefgreifend verändern. Emotionale Geborgenheit und körperliche Intimität werden zu Dienstleistungen, die jederzeit und uneingeschränkt erhältlich sind. Auch Menschen, die heute Schwierigkeiten haben, einen Partner zu finden, werden in Zukunft mit ihrem Traumpartner glücklich sein. Jeder wird den Sex erleben können, von dem er immer geträumt hat. Da durch Roboter der Druck verschwindet, einen menschlichen Partner zu finden, könnte dies dazu führen, dass Beziehungen zwischen Menschen echter und ehrlicher werden. Roboter können so zu einem erfüllteren und glücklicheren Leben beitragen. Gleichzeitig besteht die Gefahr der emotionalen Abhängigkeit von Maschinen und der gegenseitigen Entfremdung der Menschen: Da Roboter genau auf unsere individuellen Bedürfnisse zugeschnitten sind, sind sie Menschen als Partner und Liebhaber in vielerlei Hinsicht überlegen. Als Konsequenz könnten Menschen füreinander immer uninteressanter werden. Im Extremfall dieses Szenarios leben wir isoliert in unserer persönlichen Roboter-Traumwelt, die alle unsere zwischenmenschlichen Bedürfnisse auf perfekte Art befriedigt. Emotionale Maschinen werfen damit die Frage auf, wie wir uns als Menschen verändern, wenn unsere sozialen Interaktionen zunehmend auf einer Lüge basieren – nämlich auf derjenigen, dass Artefakte echte Gefühle für uns haben.

All photos > “Repliee Q2” by Prof. Hiroshi Ishiguro in Osaka University and Kokoro Co., Ltd.
Text > Max Celko

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