– 28.04.2010

Wer ist der bekannteste Künstler Berlins? Zille? Menzel?? Eliasson??? Wer ist der berühmteste Wissenschaftler Berlins? Humboldt? Sauerbruch?? Eliasson??? Wer ist der populärste Schausteller Berlins? Sander? Gindullis?? Eliasson??? Auf alle Fragen kann es nur eine Antwort geben: Olafur Eliasson, der Unvermeidliche. Vermieden hatte es bisher die Stadt, in der der in Dänemark 1967 als Sohn isländischer Eltern geborene Eliasson seit mehr als 15 Jahren lebt, ihm eine große Einzelausstellung zu widmen. Nun ist es endlich so weit! Der Gropius-Bau zeigt ab heute einen Ausschnitt aus seinem Werk, das ausdrücklich Bezug auf die Stadt seiner Wahl nimmt.

Kuratiert hat die Ausstellung der letztjährige Direktor der Biennale von Venedig, Daniel Birnbaum. „‚Innen Stadt Außen’ basiert auf Eliassons enger Beziehung zu Berlin, aber vielleicht verhält es sich auch genau andersherum“, hält er das Konzept der Ausstellung bewusst vage. Dieser unbestimmte Zugang deckt sich aber mit Eliassons freiem, versuchsartigen Anspruch, mit dem er letztes Jahr das Institut für Raumexperimente gründete, dem er als Professor der Universität der Künste vorsteht.

Licht, Luft, Wasser, Reflexionen, Klima, Schwingungen und allerlei Apparaturen sind Eliassons Arbeitsmaterial, das mal in poetischen, mal in naturwissenschaftlichen, mal in esoterischen, mal in sinnlichen Installationen mündet. Immer geht es ihm um die Wahrnehmung der Dinge, manchmal auch um die Wahrnehmung der Wahrnehmung selbst und meist um die Hinterfragung des Phänomens, wie wir Sinneseindrücke aufnehmen, empfinden und verarbeiten. Der Humor bleibt beim großen Experimentator Eliasson aber leider meistens auf der Strecke. In dieser Hinsicht ist der spekulative Wissenschaftler eben auch ein exakter. Ironie oder Witz spielen in den Versuchsanordnungen keine Rolle. Die Konfrontation der Besucher mit den Überwältigungseffekten von optischen Täuschungen, Spiegelirritationen und perfekt inszenierten Lichtspielen hat Eliasson dagegen im Griff: so simpel wie geschickt – immer auf der Schwelle zwischen genial und banal.

Olafur Eliasson führt uns auf einem Parcours aus den typischen Berliner Gehwegplatten aus Granit in die Ausstellungsräume. Der Verweis ist notwendig, denn viele der Kunstwerke der Ausstellung, sind eigentlich Interventionen in den Stadtraum als subjektivem Erlebnisraum. Da fuhren Lastwagen mit Spiegelflächen durch Berlin, Fahrräder mit durch kreisrunde Spiegel ersetzte Speichen. Vor seinem Atelier im Pfefferberg installierte er während des letzten Frostwinters einen Pavillon aus Eiszapfen, der inzwischen ebenso verschwunden ist wie die Treibholzskulpturen, die von kunstaffinen Trophäensammlern von der öffentlichen Straße eiligst in private Schrebergärten verräumt wurden.

In der Ausstellung kehrt Eliasson das Spiel um. Die Glasdecke des Gropiusbau umbaute er mit einem spiegelnden Kristall. „Das Mikroskop“ fungiert eher als Makroskop, das die Berliner Lichtverhältnisse zum Forschungsgegenstand in ein begehbares Labor holt. Auf einen riesigen Tisch häufte er geometrische Modelle, die schon Dürer in seinem Holzschnitt „Melencolia“ thematisierte, die als gebaute Körper aus Glas, Metall und Kunststoff und von innen beleuchtet aber ebenso gut als slicke Designobjekte funktionieren.

Keine Eliasson-Ausstellung ohne den wahrnehmungsverändernden bis -störenden Einsatz von Stroboskoplampen. Damit kann er Wassertropfen in der Luft hängen lassen und Nebelschlieren zum Leben erwecken. Nun tanzt ein Wasserschlauch im Blitzlichtgewitter eine spritzende Choreografie. Am Ende der Schau wird dann noch die ganz persönliche Klaustrophobietoleranz überprüft. Ein Raum (oder sind es zwei oder drei) ist komplett in Dampf gehüllt, der die Sicht nimmt, die Orientierung auch und damit die visuelle Wahrnehmung auf ein Mindestmaß zurechtstutzt. Eliasson komponiert hier als einzigen Seheindruck Farbverläufe, die nur Photoshop schöner (dann allerdings nur 2-D) hinbekommt.

Die Ausstellung gibt einen guten Einblick in Eliassons Sicht- und Arbeitsweise, sie zeigt die Bandbreite seines Schaffens, changiert von quecksilbrig bis quacksalbrig – ist aber unbedingt sehens- und erlebenswert. Am Mittwoch den ganzen Tag mit freiem Eintritt und während des Gallery-Weekends vom 29. April bis zum 1. Mai von zehn Uhr bis Mitternacht geöffnet.


Portrait Olafur Eliasson © 2010 Olafur Eliasson


Olafur Eliasson, „Berliner Treibholz“, 2009-2010, Courtesy the artist; neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York © 2009 Olafur Eliasson


Olafur Eliasson, „Ice pavilion“, 1998, Installationsansicht, Pfefferberg Berlin, 2010, Courtesy the artist; neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York © 1998 Olafur Eliasson


Olafur Eliasson, „Your new  bike (Urania)“, 2010, Courtesy the artist; neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York © 2010 Olafur Eliasson


Olafur Eliasson, „The blind pavilion“, 2003, Installationsansicht, Pfaueninsel Berlin, 2010, Courtesy the artist; neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York © 2003 Olafur Eliasson

Olafur Eliasson, „Innen Stadt Außen“, 29. April bis 9. August 2010, täglich von 10 – 20 Uhr geöffnet
www.gropiusbau.de

Der Katalog zur Ausstellung erscheint beim Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln
www.buchhandlung-walther-koenig.de

Text > Marcus Woeller

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