– 19.03.2010

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Ein wesentliches Element der Performance als Form der Aktionskunst ist ihre Vergänglichkeit. Ein zeitlich begrenztes Happening, das Minuten, Stunden, Tage oder Wochen dauert und im besten Falle dann in den Annalen der Kunstgeschichte verschwindet – per Definition kurzlebig und endlich. Wie sieht also die museale Retrospektive einer Künstlerin aus, die sich in nahezu einem halben Jahrhundert internationales Renommee vor allem dadurch erarbeitet hat, die Warenform traditioneller Kunstwerke mittels oft Aufsehen erregender Performances infrage zu stellen?
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Marina Abramović – aktiver Bestandteil ihrer eigenen Retrospektive

Das Museum of Modern Art präsentiert dieser Tage mit der Ausstellung „Marina Abramović – The Artist Is Present“ seinen Vorschlag. Der Titel der Werkschau ist durchaus wörtlich zu nehmen: Im riesigen, weißen Atrium des New Yorker Tempels moderner Kunst sitzt die Künstlerin höchstpersönlich an einem schlichten, hellbraunen Holztisch und blickt den Besuchern ihrer Retrospektive in die Augen. Regungslos; wie eingefroren – jeden Tag von halb elf bis halb sechs, 700 Stunden insgesamt. Jeder darf sich zu ihr setzen und mitschweigen. Via Live Stream kann interaktive Schweigelübde darüber hinaus von jedem Ort der Erde parallel im Internet beobachtet werden – Performance global sozusagen. Während sich andere Künstler im Rückblick auf ihr Lebenswerk entspannt zurücklehnen und sich von den Feuilletons feiern lassen, arbeitet die 63-jährige gebürtige Jugoslawin unermüdlich weiter und stilisiert sich selbst zum Ausstellungsgegenstand.

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Live-Stream aus dem Atrium des MoMA

1946 in Belgrad geboren, wuchs Abramović in eine künstlerisch experimentelle Zeit hinein, deren revolutionären Geist sie einsog und maßgeblich mitgestaltete. In den knapp fünf Dekaden ihres kreativen Schaffens erschreckte, schockte und fesselte sie ein auf welche Weise auch immer stets fasziniertes Publikum: 1974 lieferte sie sich wehrlos einer Zuschauerschaft aus, die sie mit 72 unterschiedlichen Gegenständen – darunter eine geladene Pistole – nach Belieben malträtieren durfte. 1975 ritzte Abramović sich mit einer Rasierklinge einen fünfzackigen Stern quer über den Bauch. 1997 schrubbte sie in einem stinkenden Keller, an dessen Wände Bilder von ihr und ihren Eltern projiziert wurden, einen Berg blutiger Rinderknochen. Mit ihrem langjährigen Partner, dem deutschen Performancekünstler Ulay, verbrachte sie eine Zeit mit einem indigenen Volk in Australien und auch ihre Trennung inszenierten beide spektakulär – mit einem dreimonatigen Barfuß-Lauf auf der chinesischen Mauer.

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Marina Abramović, Balkan Baroque, 1997

Die Ausstellung in New York zeigt auf der gesamten Fläche der sechsten Etage des MoMA die originalgetreue Wiederholung von Performances, die Abramović in der Vergangenheit selbst durchführte. So kann der Besucher sich beispielsweise durch einen Spalt zwischen zwei nackten Personen zwängen und dabei nachempfinden, wie sich 1977 die Gäste der Galleria Civica in Bologna fühlten, als Abramović und Ulay „Imponderabilia“ – so der Name der kleidungslosen Inszenierung – unumgänglich am Eingang der Ausstellungsräume positionierten. Dokumentarische Videofilme und eine umfangreiche Sammlung von Fotografien ergänzen die lebendigen Elemente der performativen Retrospektive.

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Marina Abramović und Ulay, Imponderabilia, 1977

Live-Stream aus dem Atrium des MoMA

www.moma.org

Erstes Bild > Marina Abramović und Ulay, Breathing in/Breathing out, 1977

Autor > Marcel Maciej

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  1.  don't panic, it's organic! » Die personifizierte Grenzerfahrung- Marina Abramović im MoMA

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