– 05.03.2010

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Während die informationstechnologische Revolution in vollem Gang ist, stehen wir bereits kurz vor der nächsten Umwälzung – der Neuro-Revolution. Im Zentrum steht dabei nicht Software oder Hardware, sondern Wetware – unser Gehirn. Vieles deutet darauf hin, dass die 2010er Jahre für die Neurowissenschaften ähnlich bahnbrechend sein werden wie die 1990er Jahre für die Informationstechnologie.

In kaum einem Wissenschaftszweig verläuft der Forschritt derzeit so rasant wie in der Hirnforschung. In den letzten fünf Jahren wurden mehr Erkenntnisse über das Gehirn gewonnen als in den 50 Jahren davor: Wissenschaftler entschlüsseln immer genauer, wie unsere Denkvorgänge funktionieren, Emotionen entstehen und Sinneseindrücke verarbeitet werden. Diese Erkenntnisse können genutzt werden, um unsere Gehirnfunktionen gezielt zu manipulieren. Am Horizont zeichnen sich damit neurotechnologische Innovationen ab, welche das Potenzial haben, die Gesellschaft, die Arbeitswelt und unsere Vorstellung von Identität radikal zu verändern.

Zack Lynch, Leiter der auf Neurotechnologie spezialisierten Marktforschungsfirma NeuroInsights, sagt voraus, dass schon bald eine neue Generation von Neuroenhancern auf den Markt kommen wird, mit denen wir unsere kognitiven Fähigkeiten, Sinneswahrnehmungen und Emotionen individuell beeinflussen können. Wir treten damit ein ins Zeitalter des Neuro-Design: Je nachdem, welche Aufgaben wir zu erfüllen haben oder wie wir auf andere wirken wollen, wird das Gehirn entsprechend optimiert – etwa indem wir individuell dosieren, wie extrovertiert, risikofreudig oder konzentriert wir sind. „Die Menschen werden Neurotechnologien in Zukunft nutzen, um ihr Gehirn zu personalisieren“, so Lynch. Neuroenhancer stellen damit die nächste Stufe des Self-Designs dar: So wie wir heute unseren Körper mittels Tattoos, Bodybuilding oder Schönheitsoperationen gestalten oder uns eine virtuelle Identität auf MySpace oder Facebook erschaffen, werden uns Neuroenhancer erlauben, unser Gehirn zu designen.

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Neuroenhancer können grob in zwei Kategorien eingeteilt werden: erstens Neuro-Devices, die am Kopf getragen werden und mittels elektromagnetischer Strahlung auf das Gehirn einwirken und zweitens Medikamente, die das Gehirn auf chemischem Weg beeinflussen. Gehirn-Doping ist heute bereits weit verbreitet. Medikamente wie Adderall, Modafinil und Ritalin halten wach, steigern die Konzentration und fokussieren die Aufmerksamkeit. Ursprünglich als Mittel gegen ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung), Depression und Tagesmüdigkeit entwickelt, werden sie heute immer häufiger von Gesunden genutzt, um länger und effektiver arbeiten zu können. Auch Mittel fürs Mood-Management finden zunehmend Verbreitung: Der Stimmungsaufheller Prozac erlebte Mitte der 1990er Jahre einen regelrechten Hype. Er wurde als Glückspille vermarktet, die es jedermann erlaubt, sich „besser als gut“ zu fühlen. Da alle heute erhältlichen Gehirn-Medikamente als Heilmittel gegen Krankheiten entwickelt wurden, ist kaum etwas über ihre Nebenwirkungen bekannt, wenn sie von Gesunden verwendet werden. Auch über die Langzeitfolgen liegen kaum gesicherte Erkenntnisse vor. Es ist jedoch damit zu rechnen, dass schon bald neue Neuroenhancer auf den Markt kommen werden, die explizit für Gesunde und ihre Bedürfnisse entwickelt wurden.

Neuro-Devices sind eine noch relativ junge Technologie. Zwar wird schon seit Jahrzehnten die Wirkung von elektromagnetischer Strahlung auf die Denkleistung untersucht, entsprechende Produkte für den Konsumenten jedoch erst seit wenigen Jahren entwickelt. Studien deuten darauf hin, dass elektromagnetische Bestrahlung bestimmter Gehirnareale Motorik, sprachliche Fähigkeiten sowie Erinnerungsvermögen verbessert. Die Erfolge von Verfahren wie Transkranieller Magnetstimulation (TMS) oder Transkranieller Gleichstromstimulation (TDCS) sind zwar noch bescheiden; der australische Hirnforscher Allan Snyder vertritt dennoch die These, dass Neuro-Devices – wenn sie erst einmal ausgereift sind – unsere Denkleistung um ein Vielfaches steigern können. Snyder verweist auf Patienten, die nach einer Hirnverletzung plötzlich erstaunliche Sonderbegabungen entwickelt haben. Viel zitiert ist der Fall von Orlando Serrell: Nachdem dieser als Zehnjähriger von einem Baseball am Kopf getroffen wurde, konnte er sich plötzlich Autonummernschilder in beliebiger Zahl merken und Texte von Popsongs nach einmaligem Hören fehlerfrei rezitieren. Bekannt ist auch, dass manche Autisten, sogenannte Savants oder Inselbegabte, über außergewöhnliche mathematische Fähigkeiten oder ein fotografisches Gedächtnis verfügen. Snyder behauptet, dass in jedem von uns solche Begabungen ruhen, aber im Alltag nicht zum Vorschein kommen, da sie von unbewusst ablaufenden Gehirnprozessen unterdrückt werden: „Im Normalfall strukturiert unser Gehirn die Wahrnehmung vor, sodass wir die Welt wie durch einen Filter sehen”, so Snyder. „Das Gehirn vermindert die Komplexität der Umwelt, indem Kategorien gebildet und Unwichtiges ausgeblendet wird.“ Bei Inselbegabten hingegen sei dieser Filter weitgehend außer Kraft gesetzt: „Savants erleben die Umwelt uninterpretiert und werden mit den Details der Wahrnehmung gleichsam überschwemmt.“ Snyder glaubt, dass die Fähigkeiten der Savants auch bei Gesunden aktiviert werden können, wenn es gelingt, die Filterung des Gehirns auszuschalten und so auf die rohen, uninterpretierten Wahrnehmungsinformationen zuzugreifen. Schlüssel dazu seien Neuro-Devices, die das Gehirn gezielt elektromagnetisch bestrahlen. Diese Geräte könnten dauerhaft am Kopf getragen werden – etwa in Form von Ohrringen oder in Brillenbügel integriert. Auf Knopfdruck wäre es damit möglich, die Gehirnleistung zu steigern, die sinnliche Wahrnehmung zu intensivieren oder unsere Emotionen zu beeinflussen.

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Erfüllt die Neurotechnologie die Hoffnungen, die derzeit in sie gelegt werden, ist mit revolutionären Neuerungen zu rechnen: Eine neue Generation von Neroenhancern wird die Art wie wir fühlen, denken und die Umwelt wahrnehmen radikal verändern. Waren unsere Gefühle, Sinneswahrnehmungen und Denkleistungen bisher nur sehr grob und unzuverlässig beeinflussbar, lassen sich diese in Zukunft hochspezifisch personalisieren. Neuro-Devices oder Hirnmedikamente machen es möglich, Charakterzüge wie Selbstvertrauen, Impulsivität oder Extrovertiertheit genau zu dosieren und nach Belieben hoch- oder herunterzufahren. Ebenso kann die Konzentration individuell an die Situation angepasst werden. Das allgemeine Wohlbefinden kann gesteigert werden, indem die Dopamin-Ausschüttung des Gehirns manipuliert wird. Je nach Wunsch kann so eine wohlige Aktivierung oder ein ekstatisches Hochgefühl erzeugt werden. Anders als bei traditionellen Rauschmitteln kann die Wirkung jederzeit abgeschaltet werden. Persönlichkeit und Stimmung werden damit zur Sphäre für Mode-Statements: So wie man sich heute je nach Anlass unterschiedlich kleidet oder ein spezielles Parfüm trägt, entwirft man sich in Zukunft eine passende Persönlichkeit.
Neuroenhancer können auch genutzt werden, um die sinnliche Wahrnehmung zu manipulieren. Dies würde völlig neuen Formen des Entertainment ermöglichen: Neuro-Devices werden mit Filmen oder Computerspielen gekoppelt, so dass die visuellen und auditiven Eindrücke intensiviert werden. Special-Effects entstehen dann nicht mehr auf der Leinwand oder dem Video-Screen, sondern direkt im Gehirn. Korrespondierend mit der Handlung könnten auch künstlich Emotionen erzeugt werden: Bewegt man sich in einem Computerspiel etwa durch düstere Katakomben, wird neuronal ein Gefühl von Beklemmung hervorgerufen. Bei Pornofilmen könnte diese Technik genutzt werden, um die Lustzentren im Gehirn zu stimulieren und so ein immersives Sex-Erlebnis zu schaffen.

Eines der Hauptanwendungsgebiete für Neuroenhancer wird sicherlich die Erweiterung der kognitiven Leistung sein. Da der Konkurrenzdruck stetig zunimmt und Wissen immer wichtiger wird, bringt eine erweiterte Denkleistung einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Zack Lynch nennt dies „Neuro-Competitive-Advantage“. Dabei geht es nicht allein darum, besser als die Konkurrenz zu sein; für viele wird es immer schwerer, schlicht in der Arbeitswelt mithalten zu können: „Ein 55-Jähriger in London konkurriert heute gegen einen 23-Jährigen in Mumbai“, stellt Lynch fest. „Da die Lebenserwartung stetig zunimmt, wird auch das Altersgefälle in der Berufswelt immer größer. Damit steigt der Druck, neurotechnologische Hilfsmittel einzusetzen, um in einem globalisierten Markt effektiver bestehen zu können.“
Nicht nur Einzelpersonen, auch Nationalstaaten werden bestrebt sein, den Neuro-Competitive-Advantage auszuschöpfen. Neurotechnologien könnten etwa genutzt werden, um die militärische Überlegenheit zu sichern: Wenn es möglich ist, die Gehirnleistung zu steigern, dürfte es auch möglich sein, die Gehirnleistung zu verringern. Auf diesem Prinzip könnte die Neuro-Kriegsführung der Zukunft basieren: „Memory-Bombs“ beeinträchtigen die Fähigkeit zu denken oder sich zu erinnern. Zwar existieren internationale Abkommen betreffend dem Einsatz chemischer Waffen; wenn die Wirkung von Memory-Bombs aber zeitlich beschränkt ist, könnten diese als „humane“ Alternative zu herkömmlichen Waffen angesehen werden. Eine solche Technologie bietet ein sehr großes Missbrauchspotenzial: Mit kleinen Dosen könnte etwa über einen längeren Zeitraum die Denkleistung von gegnerischen Bevölkerungsgruppen verringert werden. Militärregimes könnten sie nutzen, um die Erinnerung von Gefangenen zu löschen, nachdem diese gefoltert wurden. Auch ist denkbar, dass Neurotechnologien entwickelt werden, die Menschen dazu bringen, die Wahrheit zu sagen. Viele Staaten hätten sicherlich ein großes Interesse daran, eine solche Technologie für die Befragung von Verdächtigen einzusetzen.

Welche Auswirkungen Neurotechnologien auf die Gesellschaft haben werden, ist zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer abzuschätzen. Sicher ist, dass Neuroenhancement mit grundlegenden Fragen der Ethik verbunden ist. Ungeklärt ist etwa, wie mit den impliziten Zwängen umgegangen werden soll, welche durch Neuroenhancer zweifellos entstehen: Je mehr Menschen ihre Gehirnleistung steigern, desto größer wird der Druck auf den einzelnen, ebenfalls nachzuziehen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Es könnte etwa zu der Situation kommen, dass bestimmte Elite-Universitäten oder prestigeträchtige Berufe ohne den Einsatz von Neuroenhancern unerreichbar werden. Ein ethisches Problem betrifft auch die Verteilgerechtigkeit: Es ist damit zu rechnen, dass ohne staatliche Regulierung das Gefälle zwischen arm und reich weiter zunimmt. Denn Neuroenhancer werden in erster Linie denjenigen zur Verfügung stehen, welche die finanziellen Möglichkeiten haben, um dafür zu bezahlen. So könnte eine neurotechnologisch optimierte Oberschicht entstehen, die Ärmere rigoros ausschließt.

Schon bald werden sich die ersten Umrisse der Neuro-Revolution abzeichnen. Dann wird sich zeigen, wie sich Neuroenhancement auf Identität und Gesellschaft auswirkt. Eins steht jedoch fest: Neuronales Design wird unsere bisherige Vorstellung, was Mensch-Sein bedeutet, grundlegend in Frage stellen.

Text > Max Celko

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STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

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