– 21.12.2009

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Die Website „Wooster Collective“ ist unbestreitbar eine der wichtigsten Sammelstellen für Street Art weltweit. Marc und Sara Schiller, das liebenswerte Paar hinter dem Kollektiv, haben in den letzten acht Jahren ihre Freizeit der Dokumentation von urbaner Kunst gewidmet. Wooster Collective steht nicht nur für eine Onlinegalerie, sondern auch für diverse andere Projekte, darunter Salons zu Themen wie der Anti-Werbe-Bewegung oder das Projekt „11 Spring Street“ , bei dem sich vor drei Jahren einige der bekanntesten Graffiti Writer und Street Artists einfanden, um ein Gebäude in SoHo, New York in ein gigantisches Kunstwerk zu verwandeln. In Marcs anderem Leben gehört ihm eine Agentur für strategisches Marketing; Sara hat gerade eine Firma gegründet, um kreative Treffpunkte zu fördern. Vor kurzem haben wir in ihrem Büro vorbeigeschaut, um über Wooster zu plaudern.

Wie hat alles angefangen?
Marc: Sara und ich sind 2001 ins New Yorker West Village gezogen. Ich war gerade aus Tokio zurückgekommen, wo ich eine Digitalkamera erstanden hatte. Eines Tages ging ich mit dem Hund spazieren und bemerkte ein wirklich schönes Kunstobjekt an einer Hauswand auf unserer Straße, das offensichtlich Handarbeit war. Es war einer dieser Momente. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich plötzlich Kunst, wohin ich schaute, alle drei Schritte etwas anderes. Ich begann Fotos zu machen und Sara auch. Dies war vor Flickr- und Blogzeiten, und wir dokumentierten unglaublich viel Kunst. Ich erkläre das immer gern so, als würde man einen Kanaldeckel aufmachen und darunter eine andere Stadt finden, von der man nicht wusste, dass sie existiert. Eine von Kunst und Kreativität angetriebene Unter-Subkultur, die mit öffentlichen Räumen zu tun hat. Sie ist immer da, direkt vor deiner Nase aber dennoch außerhalb deines Gesichtskreises. Aber wenn du sie einmal bemerkt hast, verwandelt sich die ganze Stadt in einen lebenswerten und menschlichen Spielplatz. Dieser durch Street Art entstandene neue Bezug zum urbanen Lebensraum hat enormes Potenzial. Sara und ich haben es erlebt und begannen, es weiterzugeben.

Was habt ihr unternommen, um der wachsenden Popularität der Website gerecht zu werden?
Marc: Wir haben nichts unternommen, trotz ansteigender Besucherzahlen. Manche Leute denken wir machen Geschäfte mit der Wooster-Seite, aber das ist nicht der Fall. Wir wollen es nicht als Geschäft sehen, also machen wir das Beste daraus, nehmen es aber auch nicht zu ernst.

Welchen Einfluss haben digitale Medien auf Street Art? Untergraben sie nicht den kurzlebigen Aspekt dieser Kunstform?
Sara: Die digitale Welt war essenziell für die rapide Verbreitung von Street Art. Gerade weil Street Art kurzlebig ist, wird so viel fotografiert und über das Web verteilt. Künstler reagieren mit ihren eigenen Arbeiten, die sie dann wieder weitergeben. Street Art ist wahrscheinlich die einzige Kunstbewegung, deren Anstoß, Beschleunigung und Entwicklung auf Technologie als Kommunikationsinstrument basiert. Andererseits sagen wir auch immer, dass man raus muss auf die Straße, um die Kunst so zu sehen, wie sie ursprünglich gemeint ist. Aber weil sie kurzlebig ist, ist es wundervoll, dass heutzutage jeder eine Digitalkamera hat, um Bilder festzuhalten und weiterzugeben.
Marc: Die Webseite ist wirklich eine persönliche Sache für uns. Es geht uns nicht nur ums Feiern einer Kunstbewegung, sondern auch um die Mitteilung unseres Standpunkts gegenüber dem öffentlichen Raum, der Humanisierung unserer Umwelt und dem Bedarf nach Authentizität der Dinge.

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Inwieweit wird Street Art beeinflusst durch die Wucherung von Außenwerbung?
Sara: Werbung wird es immer geben da draußen. Wir verstehen, dass Marken sie brauchen und wollen, und es treibt die Künstler an, darauf zu reagieren. Sie reagieren auf bestimmte Werbung, indem sie deren Inhalt verändern – eine subtile Art, unsere Kultur zu infiltrieren und Leute dazu zu bringen, anders zu denken. Und dann reagieren sie auf das Übermaß der Werbung und auf den Mangel von Platz und Kunst im öffentlichen Raum. Da sind Künstler, die heruntergekommene Gebäude übernehmen und sie verschönern, um einen Ausgleich zu schaffen zwischen Kunst im öffentlichen Raum und der Überhandnahme der Werbung.
Marc: Es herrscht diese Ansicht, dass etwas auf einmal akzeptabel wird, wenn es mit Geld gekauft werden kann. Aber viele Menschen finden auch, dass die Gestaltung des Lebensraums nicht von einem rein kapitalistischen Ansatz diktiert werden sollte. Immerhin geht es um den Raum, mit dem wir ständig interagieren.

Ihr sagt, dass Street Art illegal bleiben muss, um authentisch und dynamisch zu bleiben. Ist es noch Street Art wenn Künstler Flächen im öffentlichen Raum zur Verfügung gestellt bekommen?
Marc: Es kann schön sein, aber es hat nicht die gleiche Energie wie Street Art. Wir haben eine Weile gebraucht, bis wir herausgefunden haben, warum: Street Art ist kurzlebig, weil sie nicht autorisiert und illegal ist. Daher kann sie an unerwarteten Orten auftauchen, aber auch nach 20 Minuten wieder verschwinden. Wenn wir Street Art wahrnehmen, wissen wir, wie vergänglich sie ist und so entsteht ein persönlicher Bezug. Es mag nur ein kurzer Moment sein, aber der kann unglaublich schön und erfreulich sein.
Sara: Dazu kommt noch der menschliche Faktor, die Tatsache, dass du weißt, dass jemand die Kunst mit seinen Händen angebracht hat und dass es einen persönlichen Hintergrund gibt.

Was macht Wooster Collective sonst noch so? Wir wissen von Salons und Street-Art-Führungen, die ihr veranstaltet…
Sara: Im Moment arbeiten wir an einem Buch mit dem Titel „Trespass. The History of Unauthorized Public Art“, das beim Taschen Verlag herauskommen wird. Es geht um Graffiti, Street Art, Protest und Performance, alles was im öffentlichen Raum passiert, kreativ und inspirierend ist und nicht autorisiert. Die Arbeit an dem Buch hat uns wirklich die Augen geöffnet, weil wir von Genres erfuhren, die wir zuvor nicht kannten, wie Guerilla Gardening und Guerilla Knitting. Da draußen passiert eine Menge großartiger Arbeit. In dem Buch steckt viel Liebe und wir wollen, dass es so vollständig wie möglich wird. Eigentlich warten wir aber darauf, dass wieder ein größeres Projekt unseres Weges kommt, so wie 11 Spring. Aber so etwas plant man nicht, es passiert einfach.
Marc: Wir geben auch eine Menge Diavorträge.
Sara: Damit wollen wir die Leute erreichen, für die Street Art und Vandalismus ein und dasselbe sind. Natürlich kommen hauptsächlich die Leute, die Street Art lieben, zu unseren Vorträgen, aber wir erreichen auch ein breiteres Publikum. Wir zeigen nicht nur die üblichen Figuren wie Swoon, Banksy oder Fail, sondern auch Kunst, die die meisten noch nie gesehen haben.

Was glaubt ihr, wie Street Art in der Zukunft aussehen wird?
Marc: Das Spannende daran ist, dass wir nicht wissen können, was kommt. Es ist zyklisch, kommt und geht.
Sara: Technologie ist eins der Themen. Es gibt eine Gruppe von Leuten, die LED-Technologie nutzen für Projektionen. Was ich liebe, ist Guerilla Gardening, weil es wirklich Leben zurückbringt in die Stadt. Und dann gibt es Seed Bombing…
Marc: … beim Seed Bombing werden kleine mit Samen gefüllte Ballons über die Zäune verlassener Grundstücke geworfen, und wenn der Frühling kommt, dann grünt es.
Sara: In Großbritannien gibt es eine Bewegung von Leuten, die Wildblumen auf Verkehrskreuzungen oder anderen heruntergekommenen Gebieten pflanzen oder diese Frau in Tijuana, die Blumen in Schlaglöcher setzt. Die Leute kämpfen einfach gegen den Beton an und versuchen, ihre Stadt mit Gärten zu verschönern. Das ist einfach klasse und lustig.

www.woostercollective.com

Erstes Bild > Dan Witz, Meeker Avenue, Brooklyn, 2004
Interview > Isabel Kirsch

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STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

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