– 20.10.2009

top_nathan

Keine Kunstgattung ist so ausgetreten wie die Malerei. Alle Wege scheinen gegangen, alle Umwege eingeschlagen, alle Drehungen und Wendungen vollzogen. Nichts ist so oft gestorben und wieder auferstanden wie das gemalte Bild, sei es nun gegenständlich oder ungegenständlich. Und trotzdem können Künstler und Künstlerinnen dieser Urform visueller Ausdruckskraft nicht widerstehen und versuchen immer wieder dieses schwierige Medium zu reformieren oder zu revolutionieren. Der kalifornische Künstler Nathan Hylden arbeitet sich an der Idee der Abstraktion ab und ist damit: state of the art.

Abstrakte Kunst ist tot und lebendig zugleich. Wem dies wie ein unverblümter Widerspruch erscheint, liegt nicht falsch. Sie ist tot, weil bestimmte historische Bewegungen sich einfach nicht mehr weiter bewegen – ihre Ideen sind ebenso dem Untergang geweiht, wie viele ihrer Anhänger. Abstrakte Kunst ist aber auch sehr lebendig, weil sie ihre Sprache neu definiert hat. Und dazu mussten keine Leichen aus dem Keller geholt werden, keine Überreste von Jackson Pollock oder Franz Kline einfach neu aufgewärmt werden. Junge Künstler nähern sich der Abstraktion stattdessen auf so markant individuellen Wegen, dass sie im alten System nicht einzuordnen wären.

culture_nathan-hylden-11

Einer dieser Künstler ist der in Los Angeles lebende Nathan Hylden. Seine Arbeit erneuert die Sprache der Abstraktion. Hyldens Gemälde hängen nicht teilnahmslos an der Wand, sondern bemächtigen sich des Raumes wie ein ungebetener Gast, der ungefragt in alle Winkel dringt. Du lässt eine von Hyldens Arbeiten in dein Haus und fühlst dich nach einer Woche, als lebtest du in ihr. Nach einer ausreichenden Dosis unseres Zeitalters der technischen Reproduzierbarkeit scheinen Bilder so durchlässig und medial so austauschbar, als seien sie gleichartig – egal, ob am Bildschirm, in einem Buch, in einer Galerie. Und doch steht fest: Nathan Hyldens Werke funktionieren einfach nicht, bis man wirklich vor ihnen steht. Als ich Nathans Bilder online durchging, um auf dem neuesten Stand seiner Arbeit zu sein, wirkten sie klein, leise, ein wenig unterkühlt, so wie sie vielleicht abgedruckt neben diesem Artikel aussehen. Als ich aber sein Studio in Eagle Rock betrat und einen Augenblick lang vor seiner neuesten Serie an Gemälden stand, nahm ich eine beunruhigende Präsenz im Raum wahr.

Diese Präsenz waren die Bilder. So wie es Bridget Riley oder Victor Vasarely überdeutlich machten mit ihren optischen Effekten, die sie Kunst nannten – Kunst, die bekiffte Studenten allerorts instinktiv begreifen – hat auch Hyldens abstrakte Malerei stets etwas Op-Artiges. Aber Op-Art nach einer durchsoffenen Nacht, verschwommen, unpräzise, von menschlicher Hand gemacht, anstatt wie so oft nur maschinelle Präzision nachahmend.

culture_nathan-hylden-02

Das soll nicht heißen, dass es in Hyldens Schaffen nicht auch um die Produktion an sich geht, eine Produktion von Serialität, von Gemälden, die alle miteinander verknüpft sind. Künstler und Künstlerinnen arbeiten oft seriell, aber Hyldens Bilderreihen bestehen nicht aus losen, metaphorischen Verbindungen, sondern aus ganz konkreten. Die Leinwände werden aufeinander liegend gesprayt – jede verweist indexikalisch auf eine andere. Sie sind individuell und doch mit den anderen verbunden. Mit handgemachten Schablonen aufgetragene schwarze Streifen tauchen immer wieder auf; oft werden zwei Leinwände auf einmal mit explosiv neonleuchtender Farbe besprüht. Die gitterartigen Muster spielen durchaus mit der mechanischen Reproduktion und der modernistischen Reinheit der Form, umgehen sie aber gleichzeitig und machen sie so etwas brüchiger, schlampiger. Hyldens Werk reklamiert den Jargon der abstrakten Kunst – eine Sprache, die einst gestische und formale Klarheit anstrebte – so wie es Peter Halley tat. Hylden jedoch befleckt diese Sprache durch das bedächtige Spiel mit Unvollkommenheit und ebenso durch die gelegentliche Einbindung von Collagen.

Der Kunstgriff der visuellen Effekte ist nicht neu. Und als angeblich scharfsinniger Kritiker der visuellen Kultur sollte ich mich nicht so leicht von optischen Tricks täuschen lassen. Doch Hyldens Arbeit – eine unpräzise, fortlaufende, auf sich selbst verweisende Wirkungsweise – verdrängt meine anfängliche Abneigung gegen Dinge, die dem Blick zu sehr schmeicheln. Als Person, die sehr viel sieht, möchte ich darin herausgefordert werden, wie ich sehe. Simple Sinnestäuschungen funktionieren bei mir nicht mehr – oft genug habe ich dieses Spiel schon erlebt. Denn wenn man die Vermittlung des Gezeigten nicht richtig hinbekommt, verfremdet man das, was sonst möglicherweise sowieso schon zu banal gewesen sein könnte. Hyldens Werk bestätigt weder meine Weltsicht, noch passt es zu meiner Couch. Abstrakte Künstler waren mir bis jetzt leider meist zu angepasst, um eines von beiden zu erreichen.

culture_nathan-hylden-13

Doch die äußerliche Präsenz von Hyldens Gemälden, die Basis seines Werkes und ihr innerer Aufbau sind von solcher Spannung getragen, von Beklemmung sogar, die mit einer Ausdrucksweise anzieht, die man nur als aktuell und gegenwärtig bezeichnen kann. Als ich Hylden in seinem Studio traf, fragte ich nach dieser verunsichernden Präsenz seiner Bilder. Hyldens Antwort öffnete mir die Augen und brachte in eine Form, was ich selbst zuvor nur instinktiv angenommen hatte:

„Für mich geht es um das Erschaffen von Bildern mit einer wirklich greifbaren Präsenz. Da ist etwas da, aber gleichzeitig gibt es etwas Abwesendes, das auf Distanz hält. Ich glaube, die Abstraktion steht für diese Idee wie ein Körper ohne Gesicht. Es fehlt dieses eine Element des Wiedererkennens, das zur Identifikation seiner selbst führt. Das kann Leute verstören oder aufregen, zum Beispiel Studenten, die die Konzeptkunst missverstanden haben und unbedingt wollen, dass sie eine Pointe hat. Abstrakte Kunst trägt aber einfach etwas Potenzielles in sich.“
www.johannkoenig.de

Thanks to > Galerie Johann König, Berlin,

All images > Nathan Hylden, 2007/2008
Courtesy Richard Telles Fine Art, Los Angeles, USA
Fotos > Fredrik Nilsen

Text > Andrew Berardini

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

Ein Kommentar für “Schichtwechsel | Nathan Hylden”

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>