– 23.09.2009

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Sie schauen böse, die Jungs aus der Favela, als machten sie keine Gefangenen. „Braquage Brazil“ heißt die Farbfotografie des französischen Künstlers JR (braquage = Raubüberfall), und beim genauen Hinschauen wird klar, dass in der wohlbekannten Ghetto-Anordnung keine einzige Waffe vorkommt, statt dessen Fotokamera und Stative, die wie Waffen gehalten werden. Feine Ironie, die das Gangsta-Klischee entschlackt. JR übt subtile Sozialkritik – seine Darsteller sind Elendsviertelbewohner, keine Models – doch es darf auch gelacht werden.

Bunt, blinkend und ironisch sind viele Arbeiten auf der diesjährigen „Berliner Liste“, der Kunstmesse, die als Plattform für junge deutsche und internationale Kunst in Berlin gilt. Sechzig Galerien aus dem In- und Ausland stellen im sechsten Jahr der Messe aus, der Schwerpunkt liegt diesmal auf Spanien und Osteuropa. So sind neben der „3 Punts Galeria“ (Barcelona) (www.3punts.com/) und der „thomas punzmann gallery“ (Marbella) (www.punzmann-gallery.com) unter anderem die „ego gallery“ (Barcelona) (www.egogallery.es) mit Tierfotos vertreten, bei denen Bambi feuchte Augen kriegen würde, und die SON ESPACE GALLERY (Girona) (www.sonespace.com) zeigt eine mannsgroße Plastikpuppe, der Künstler Morten Viskum sein Gesicht aber den Körper eines Bodybuilders gegeben hat.

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Eine eigene Körperlichkeit erzeugen die Arbeiten des Künstlerduos herakut (Cover-Artist unserer aktuellen Style and the Family Tunes mit ausführlichem Feature), die ihre schönen Figuren Yoga-Handstand machen und sich einsam fühlen lassen. Zusammen mit den Favela-Fotos von JR und der Auto-Kopulation von Banksy (mit dem denkwürdigen Titel „Every Time I Make Love to You I Think of Someone Else“) gehören herakut zu den stärksten Momenten der Messe. Alle drei werden von der Galerie Springmann (Freiburg) (www.springmann-kunst.de) vertreten.

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Die Bandbreite der ausgestellten Kunstwerke ist groß, es gibt Malerei, Fotografie, Skulptur, Installation. Der Bogen spannt sich von der formalen Strenge einer Käferzeichnung und ihrer Darstellung der fein verästelten Beine und Fühler des Insekts, über die Inszenierung einer Spielecke mit grotesk verunstalteten Puppen und an die Wand genagelten Tieren, bis zu den knackigen, an Pop Art und Werbeplakate erinnernden Bilder des Franzosen Fred Bred, den die Galerie „zimmermann & heitmann“ (Düsseldorf) (www.zimmermann-heitmann.de) sehr gelungen präsentiert.

Das großformatige Ölbild „Mevlevi Ceremony“ des Griechen David Benforado zeigt den Tanz der Derwische, ein altes orientalisches Ritual, bei dem sich die heiligen Männer schrittweise in Ekstase tanzen. Der Tanz geht auf den persischen Mystiker Rumi und den Sufismus zurück, eine lange unterdrückte und geheim gehaltene Strömung des Islam.

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Die „Berliner Liste“ findet jedes Jahr an einem besonderen Ort statt, der nichts mit Kunst zu tun hat. Diesmal ist es das „Palais am Tiergarten“, ein vor kurzem fertig gestellter Klinker-Glasbau. Der Ort ist hell und luftig – die einzelnen Galerien sind wie „Kojen“, nur durch provisorische Wände voneinander getrennt, sodass Galeristen und Künstler mit ihren Nachbarn in Kontakt treten können und der Besucher das Gefühl hat, durch einen großen, offenen Raum zu gehen. Dieser Kunstraum läuft auf vier Etagen um einen verglasten Lichthof herum, und von oben kommt Berliner Himmel hinein.

Berliner Liste, 24.-27. September, täglich 13-21 Uhr, Reichpietschufer 86, Berlin-Tiergarten, heute Eröffnung 18 – 24 Uhr, Party ab 22 Uhr, hosted by cookie; www.berliner-liste.org

Text > Jana Sittnick

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