– 29.07.2009

05_axl-jansen_hussein-chalayan-02

Hussein Chalayan entwirft und realisiert Kleider und konzipiert deren Präsentation in einer Art und Weise, die etwas über das Prinzip Mode selbst aussagt und Vorschläge macht, wie das System der Mode anders werden könnte. Wenn die Mode von den Runways den Weg ins Museum nimmt, geht häufig etwas verloren.

Sobald ein Outfit museal an einer Puppe drapiert ist, wirkt es als Kostüm, aber nicht mehr als lebendiger Look.  Es ist dann still gestellt, und den Besucherinnen und Besuchern fällt es schwer sich vorzustellen, wie es wohl wäre, der Trägerin dieses nun wie ein Gefieder präparierten Abendkleides in der Oper zu begegnen. Im Fall der Arbeit des britischen Modeschöpfers Hussein Chalayan, dessen Schöpfungen seit Januar in einer großen Retrospektive im Londoner Design Museum gezeigt werden, ist die Lage häufig genau umgekehrt. Praktisch die einzigen plausiblen Situationen, in denen man sich die hölzernen Helme aus seiner „Between“-Kollektion (1998) vorstellen kann, die den Kopf der Trägerin wie geometrisch auf Linie gebrachte Avocadokerne umhüllen und die ihr Gesicht bis auf einen schmalen Augenschlitz unkenntlich machen, sind hier im Museum – oder bei einer der ikonisch gewordenen Chalayan-Fashion-Shows, von denen einige in London als Installationen nachgestellt werden. Wo sonst wäre ein geeigneter Ort für Entwürfe wie „Remote Control Dress“, einem Kleid, dessen Material, lackierter Kunststoff, an die Oberflächen von Fahrzeugen erinnert und dessen eingebaute Automatik per Fernsteuerung einzelne Elemente des Kleides in verschiedenen Winkeln anheben bzw. abstellen lässt. Wo wäre der Ort für diese Übertragung von Mobilitätstechnologien auf ein Kleid, das sich einerseits die Steuerungselemente von Flugzeugtragflächen angeeignet hat, das aber andererseits auch einen Kommentar über Bekleidung und Mode abgibt, die ja in nicht geringem Maß als Veränderung von Silhouetten funktioniert. Nur dass Chalayan hier nicht zehn oder zwanzig Outfits entwerfen musste, um das zu demonstrieren, sondern eins.

05_axl-jansen_hussein-chalayan-01

Chalayan macht Meta-Mode. Einer der Orte, denen unsere Kultur solche Arbeit zuweist, ist das Museum. Chalayan dürfte das spätestens begriffen haben, als ihm eine Lehrkraft während seines Studiums am Londoner Central St. Martins College nahe legte, er solle sich doch gefälligst aus der Modeklasse verabschieden und zu den Bildhauern wechseln. Wie alle guten Studenten wusste Chalayan, welche Ratschläge seiner Professoren man sich zu Herzen nehmen und welche man einfach besser ignorieren sollte. Im Panorama der zeitgenössischen Mode wäre die Stelle des Designers vakant geblieben, der bekennender Leser der französischen Theoretiker Roland Barthes, Jean Baudrillard oder des Ethnologen Marc Augé ist, dessen Begriff der Nicht-Orte sich Chalayan für seine Mode-Recherchen zum Thema Mobilität aneignete. Als „Nicht-Orte“ bezeichnet Augé all jene Durchgangszonen, an denen unsere Kultur reich geworden ist, zum Beispiel Metros, Flugzeuge oder Airports. Im Jahr 2003 entwarf Chalayan seine erste Herren-Kollektion unter dem Titel „place non place“, in der Kleidungsstücke vorkamen, die sich zu Postpaketen zusammenlegen und verschicken ließen oder ein Anzug, dessen fein knitterndes weißes Material und blau-rot gestreifte Saumapplikationen an Luftpost-Sendungen erinnerte. Wenn es Chalayan mit solchen Outfits darum ging, die Orte, die ihre Träger durchstreiften, zeitweise als Nicht-Orte zu markieren, so erlaubt der Ort des Museums dem Designer nun all jene Kleidungsstücke noch einmal als Objekte und nicht bloß als flüchtige Bilder im Internet oder in Magazinen zu versammeln. In von ihm selbst bis zu den Mannequins hin entworfenen installativen Situationen führt Chalayan konkret vor, was auch seine ikonischen Shows erreichten: die Kleiderpräsentation zu performanceartigen Aufführungen umzudefinieren. Wie etwa in der 2000er „After Words“-Kollektion, in der Stuhlbezüge zu Kleidern, die Stühle zu tragbaren Koffern und schließlich ein Kaffeetisch zu einem hölzernen Rock wurden.

[flv]http://www.stylemag-online.net/video/hussein.flv[/flv]

Gleichzeitig ist Chalayan Modeprofi, der weiß, worüber er besser schweigt, um das mit großem Aufwand hergestellte Bild seiner konzeptuellen Arbeit nicht zu verunstalten: Die ökonomischen Bedingungen bleiben außen vor. Zu seiner Tätigkeit als Kreativdirektor bei Puma äußert sich der Designer kaum (angeblich ermöglichte eine Teilbeteiligung des Sportbekleidungsherstellers das Weiterbestehen der Marke Chalayan), ebenso zum Verhältnis seiner Meta-Mode zu Chalayans materiell wie handwerklich edlen, gestalterisch sehr zurückgenommenen Boutiquen-Kollektionen. Stattdessen waren in London Chalayans neueste Ideen zu seinen klassischen Themen zu sehen: „Inertia“ – die Trägheits-Kollektion (S/S 2009) definiert die Trägerinnen seiner Kleider nun als festgewachsen, ein Luftstrom von der Stärke eines Windkanals bläst ihr ins Gesicht. Aus den Rückenpartien ihrer Outfits schießen zapfenartige Fortsätze aus künstlich in Starre fixiertem Textil, als würden sie jeden Augenblick hinweggeblasen. Auf dem Runway läuft derweil alles auf die Straße und ihr wenig diskretes Signalsystem hinaus: Für „Earthbound“ (A/W 09/10) schickt Chalayan Outfits auf den Steg, die teilweise aus Textil, teilweise aus Schaumstoff gegossen und im Grau von Straßenbelag und Pflaster gefärbt sind. Die Abnutzungsspuren des Asphalts sind ihnen als Kerben und Dellen eingeprägt oder aufgedruckt. Doch sitzen sie so eng am Körper der Trägerin wie nie zuvor in seinem Werk. Dieser neue Sexappeal wird verstärkt durch eng anliegende farbige Plastikharnische für Brust und Po, die wie Verkehrsschilder leuchten: Tech you up before you go-go.

Text > Philipp Ekardt

Fotos > Axl Jansen / www.axljansen.com
Produktion > Niki Pauls / www.nikipauls.com
Hair > Deborah Brider / www.deborahbrider.com
Make-up > Eny Whitehead  www.enywhitehead.com / products by Chanel
Model > Elise-Hélène / www.viva-paris.com

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>