– 28.11.2008

img_0809.jpg

Jedes Jahr gibt das Deutsche Guggenheim (eine Kooperation der Deutschen Bank mit der Solomon R. Guggenheim Foundation) eine ortsspezifische Arbeit bei einem zeitgenössischen Künstler in Auftrag. Der Begriff „site-specific“ ist einer der wichtigsten Schlüsselbegriffe der postmodernen Kunstgeschichte und gleichzeitig eine der überstrapaziertesten Vokabeln der Gegenwartskunst. Denn nicht alles was sich ortsspezifisch nennt, hat die Spezifizitäten des Orts wirklich durchdrungen.

img_0787.jpg

Anish Kapoor, in Bombay geborener, aber schon lange in London lebender Künstler und Turner-Preisträger, hat sich mit den räumlichen Bedingungen des Ausstellungssaals im Headquarter der Deutschen Bank in Berlin-Mitte auseinander gesetzt. „Memory“, eine große Hohlform aus mit Rost überzogenem Cor-Ten-Stahl liegt wie ein Blase in der Mitte des Raums, stößt an Boden und Wände und verhindert den freien Durchgang. Von einem angrenzenden Raum gewährt eine rechteckige Öffnung in der Wand den Einblick in den metallenen Mega-Uterus. Außen orangefarben, schluckt der matt samtig die Oberfläche überziehende Rost das einfallende Licht fast vollständig, sodass nur noch zu vermuten ist, wie groß der Innenraum ist und wo er endet. Hier bekommt die Arbeit auch tonale Qualitäten und schafft ein Echo, das auszutesten reizt, da es hier kaum noch etwas zu sehen gibt.

img_0808.jpg

Wie James Turrell oder auch Olafur Eliasson spielt Anish Kapoor mit den Überwältigungsqualitäten von Form, Licht, Material und Farbe, wenngleich er nicht so dicht an die Schwelle erhabener oder esoterischer Empfindungen heranrückt. Sein Minimalismus ist handfester, weniger poetisch. Er sucht nach den „andauernden Dimensionen der Kunst“ in der Erfahrung ihrer Räumlichkeit. Insofern erscheint es als gute Idee des Deutschen Guggenheim, im Begleitprogramm u.a. einen Tanzworkshop für Kinder anzubieten, um sich der Installation körperlich und im wahrsten Sinne des Wortes raumgreifend zu nähern.

img_0810.jpg

Anish Kapoor, wehrte sich heute auf sympathisch schüchterne aber nichtsdestoweniger vehemente Weise durch die Alexandra Munroe, Senior Curator of Asian Art at the Guggenheim Museum, als Vertreter der „asiatischen Kunst“ wahrgenommen zu werden; eine Kategorisierung die weder ihm noch seiner Kunst gerecht wird. Stattdessen wies er mit leichter Ironie darauf hin, dass die Deutsche Bank einen sehr ambitionierten Kunstankauf getätigt habe. Die Installation „Memory“ kann natürlich dauerhaft im Ausstellungsraum verbleiben, dadurch wird allerdings nicht die „site-specificity“ des Stahlkolosses angekratzt, sondern eher die Kunstspezifizität der Orte überprüft werden, an denen das Werk in der Zukunft gezeigt werden kann. Zufällig habe die nächste Reisestation, ein Raum des Guggenheim Museums in New York, ganz zufällig Dimensionen die passen. Sonst werden sie passend gemacht, bei Guggenheim ist man ja nicht so…

Text & Fotos > MW

aufmacher_img_0801.jpg

Anish Kapoor: Memory
Deutsche Guggenheim
Unter den Linden 13/15
Berlin-Mitte
30. November 2008 – 1. Februar 2009
www.deutsche-guggenheim.de

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

Trackbacks/Pingbacks

  1.  Neue Kunstspaziergänge » Blog Archive » Memory

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>