– 16.09.2008

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Sie ist eben doch wichtig, die Größe. Vor allem als Vegetarier in einem so unwirtlichen Zeitalter wie dem Oberen Jura, was den bis zu 27 Meter langen Sauropoden Diplodocus dann auch zum Erfolgsmodell machte, das immerhin um die zehn Millionen Jahre lang nordamerikanische Bäume entlaubte. Wir kennen es gut, das langhalsige Viech, wenn nicht vom Naturkundemuseum um die Ecke, dann von einer der unzähligen Komödien, in denen niedliche Hunde oder quirlige Kleinkinder ein montiertes Skelett in einen staubigen Knochenhaufen verwandeln. Gleich zwei solcher Giganten hätten Platz in der riesigen Halle, die uns der Berliner Tape Club als ruhigen Raum fürs Interview mit einem ganz anderen nordamerikanischen Exemplar gleichen Namens angedeihen lässt, und so sitzen wir etwas verloren auf einem fleckigen Kanapee in einem Eismeer aus Putzlicht, uns zu Füßen der Künstler auf einem Rollbrett: Speed-Dating mit Diplo.

Wer Wesley Pentz aka Diplodocus, kurz Diplo, nicht kennt, hat so ziemlich alles verpennt, was in den letzten vier Jahren Ahs und Ohs aus den Mündern hart gesottener Musikkritiker entlockt hat, ganz zu schweigen von den Heerscharen der Fans und Nachahmern weltweit. Detailliert, mit Samtstimme und Charisma, erzählt der 29-jährige Diplo die Saga seines Aufstieges, vom Florida-Boy zum Philly-Produzenten mit dem berühmten Händchen für das nächste coole Ding zwischen Club und Pop. Stichwort Hollertronix, Favela Funk, M.I.A., Santogold. Dabei machte Diplo nichts grundsätzlich anders, was nicht schon die Geburt von Hip-Hop vorweggenommen hätte: „Auf den alten Zulu Nation Tapes spielt Afrika Bambaata einen Hip-Hop-Beat, haut ein Rock-Stück hinterher und singt dann über das Ganze drüber, so hat Hip-Hop angefangen, und ich folge irgendwie dieser Tradition. Hip-Hop ist die perfekte postmoderne Musik.“

Diplo verabscheut Musik-Snobismus: „Nothing is too cheesy, es kommt darauf an, in welchen Kontext du es setzt.“ Eine Credo, das hinter den Kult-Mash Ups der Hollertronix EP-Serie steckt und selbst vor Metal-Tracks nicht Halt macht, wie geschehen bei den Remixen der Baltimore Club DJs Sega und Blaqstarr auf der aktuellen Volume 8. Diplo selbst interessieren Mash-ups nicht mehr so sehr, nach der Entwicklung eines modernen World-Beat-Verständnisses mit Ex-Soulmate M.I.A. produziert er lieber Tracks für das neue Indie-Sternchen Santogold und konzentriert sich darauf, DJ und Entdecker zu sein: „Wenn ich in ein neues Land oder eine neue Stadt komme, muss ich zuallererst wissen: what makes the people dance?“ Um das Vorgefundene sodann in seine eigene Clubsprache zu transformieren: “Jeder hat alles, die Welt ist globalisiert. Ich sample ein afrikanisches Kid, das afrikanische Kid sampelt mich… es gibt keine Regeln mehr, aber du musst versuchen, deine Identität zu behalten. Ich mache eine Menge Edits für meine DJ-Sets, die ich nicht veröffentliche oder weitergebe.“ Und was hört der Don der Dancefloor-Innovationen privat? „Black Lips, Santogold, eine Menge alte Musik wie Garage und Punk aus den 60ern und 70ern, viel Dancehall, M83, Paper Route Gangstaz, Benga, Flying Lotus – das Benga-Album ist wirklich super, das hätte ich gern auf Mad Decent herausgebracht.“

Mad Decent ist Diplos eigenes Label, auf dem er wie am Fließband neue Talente vorstellt und fördert, wie Bonde Do Role, die South Rakkas Crew, Blaqstarr oder das 16jährige Bmore MC-Girl Rye Rye. Auf Mad Decent wird auch sein nächstes Album erscheinen, das er gemeinsam mit seinem UK-Kollegen Switch vornehmlich auf Jamaica aufgenommen hat, inna dancehall style…

www.myspace.com/diplo


Text > Alexandra Dröner
Foto > Andreas Richter

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

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