– 13.09.2008

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Konzeptkunstbrocken im Alpenglühen.

Die Legende von David und Goliath ist bekannt. Eine Südtiroler Variante geht so: Es war einmal König Laurin, Herrscher über ein Zwergenvolk, das in den Dolomiten lebte. Auf dem zweithöchsten Berg der Region hatte er seinen prächtigen Rosengarten angelegt – Laurins ganzer Stolz. Bei Frauen hatte er leider nicht so viel Glück wie bei der Blumenpflege. So war er auch nicht eingeladen, als der König an der Etsch seine Tochter unter den Adeligen zur Verheiratung feilbot. In einem tagelangen Wettkampf um Similde taten sich zwei Recken besonders hervor, doch ehe einer von ihnen den Kampf für sich entscheiden konnte, hatte Laurin schon längst Wundergürtel umgeschnallt und Tarnkappe aufgesetzt, Similde geraubt und auf den Berg entführt. Mit Hilfe des hünenhaften Fürsten Dietrich von Bern nahmen die gehörnten Recken den Kampf auf, drangen in den Rosengarten ein und schafften es schließlich, Laurin trotz seiner Tarnung zu überwinden und gefangen zu nehmen. Der feige Zwerg gab den Rosen die Schuld an seiner Entdeckung und verfluchte den Rosengarten: Keiner sollte ihn mehr sehen, weder bei Tag noch bei Nacht!

Mit diesem Heldenepos ist das Alpenglühen hinlänglich erklärt, da Laurin in seinem Bann Morgen- und Abenddämmerung vergaß, sodass man den Garten nun bei Sonnenauf- und -untergang blühen sieht. Die Sage wurde aber auch bei späteren Streitigkeiten immer mal wieder metaphorisch aufgewärmt. Und die gab es reichlich. Zum Beispiel als 1919 die südalpine Provinz, die seit Jahrhunderten österreichisch und deutschsprachig war, von Italien annektiert wurde – sozusagen als Dankeschön dafür, dass es als Alliierter der Entente in den 1. Weltkrieg eingetreten war. Seitdem gibt es eine Südtirolfrage. Italiener gegen Tiroler. Laurin gegen Dietrich oder umgekehrt, wer versteht das schon so genau bei solchen Zwistigkeiten. Ein Vorgeschmack auf Mussolinis Faschismus waren zwei Jahre später die Ereignisse des „Bozner Blutsonntags“, bei dem italienische Schwarzhemden einen Tiroler Trachtenumzug überfielen. Es gab Verletzte und einen Toten.

Es folgten die Zwangsitalianisierung durch Ansiedlung von Schwerindustrie – im traditionell von Ackerbau und Viehzucht lebenden Südtirol bis dato unbekannt – und der massive Zuzug von italienischen Arbeitern und Beamten, Deutschverbote und Umerziehungsmaßnahmen. So konnte Bozen zu einer italienischen Großstadt mit 100.000 Einwohnern werden. Die kulturelle Spaltung oder – wie man es heute glücklicherweise begreift – die kulturelle Vielfalt ist nicht nur an den zweisprachigen Straßen- und Ortsschildern abzulesen, sondern auch am Weichbild der Stadt Bozen selbst. Der alte Stadtkern wirkt mit seiner Barockbebauung alpenländisch. Auf der anderen Seite des Flusses Talfer beginnt italo-chauvinistische Selbstdarstellung mit Siegesdenkmal und modernistischen Platzanlagen – sozusagen die Interpretation Bozens als Bolzano.

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Alle Abbildungen Bozen > © Marcus Woeller

Ein zeitgeschichtlich und kulturell spannungsreicher Ort also, der nicht den Durchschnittstouristen 55plus (Windjacke, Dauerwelle, Wandersandale) überlassen werden sollte. Denn auch wenn Bozen Ende Mai mit Blasmusik und Walther von der Vogelweide ganz klischeehaft das „Speckfest“ feiert, ist Südtirol eine Region im Wandel. Seit 20 Jahren schon existiert mit dem Museion ein Museum für zeitgenössische Kunst, das sich nun einen spektakulären Neubau gegönnt hat. Denn die autonome Provinz ist reich, Arbeitslosigkeit ist so gut wie unbekannt, und inzwischen hat die Bevölkerung erkannt, dass es eine Kultur jenseits von zünftiger Brauchtumspflege gibt und dass sich die Investition dafür lohnt. Das Berliner Architektenbüro KSV hat einen Aluminiumquader an den Rand der Innenstadt gesetzt, dessen gläserne Schmalseiten wie ein Tunnel zwischen Alt- und Neustadt, aber auch zwischen Land- und Ortschaft fungieren und gleichzeitig moderne Medienfassaden sind. Die neue Schweizer Museumsdirektorin Corinne Diserens verordnete der als wertkonservativ bekannten Bevölkerung als Eröffnungsausstellung des Museions keinesfalls eine leicht konsumierbare Schau. Sie will es weder den Einheimischen recht machen, noch den Alpentouristen, sondern als konkurrenzfähiges Haus im Kontext europäischer Museen wahrgenommen werden. Auf den harten Diskurs- und Konzeptkunstbrocken „Peripherer Blick und kollektiver Körper“ (noch bis zum 21.09.) folgt im Herbst eine kaum breitenwirksamere Ausstellung über Sonic Youth (wir berichten im nächsten StyleMag, Oktober 2008).

Auch die internationale Biennale Manifesta (noch bis zum 02.11.) machte es sich nicht gerade einfach, als sie nach der grandios geplatzten vorletztjährigen Ausstellung, die in Nikosia auf Zypern stattfinden sollte, ausgerechnet Südtirol und seinen südlichen Nachbarn Trentino als Gastgeber aussuchten. Erstmals findet die Manifesta nicht in einer Stadt statt, sondern verteilt sich auf einer Achse von 150 Kilometern entlang der Brennerautobahn. Die Kuratoren, Anselm Franke und Hila Peleg aus Berlin, Adam Budak aus Krakau und das Raqs Media Kollektiv aus Delhi, setzen auf kunstinteressierte Benutzer der Transitstrecke und bespielen historische Gebäude. Denn auch hier ist die wachsende Deindustrialisierung zu spüren. Etwa in den leer stehenden Fabriken in Trient, Rovereto oder Bozen, wo eine riesige, aber elegante ehemalige Aluminiumschmelze auf die Konfrontation mit zeitgenössischer Kunst wartet. Raqs nehmen hier die industrielle Erkenntnis auf, das überall dort wo etwas produziert wird, auch Rückstände anfallen, für die sich im Normalfall niemand mehr interessiert. Sie wollen nun den Blick umkehren, auf die Reste… und zwar durchaus auch im historischen Sinne. Die Jury überzeugte ausgerechnet ein indisches Kuratorentrio mit seiner intimen Kenntnis der Geschichte Südtirols. Globalization as usual.

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Alle Abbildungen Manifesta > © Manifesta 7

Franke und Peleg betreiben dagegen eher psychologische Archäologie. Sie wollen der europäischen Seele auf den Grund gehen und präsentieren ihre Forschungsergebnisse in einer alten Postzentrale von Trento. Im nahen Rovereto nimmt Budak sich dem Prinzip Hoffnung an. Auch hier wird mit einer alten Kakaofabrik ein Industriegebäude neuen Nutzungen zugeführt. Für europäische Großstädte wäre das kein originelles Konzept, in Südtirol versucht es, die Besucher mit ihrer eigenen Geschichte zu versöhnen. Seit einigen Jahren bereits geht das Festival „Transart“ (vom 07.09. – 11.10.) diesen Weg noch konsequenter. Ihr künstlerischer Leiter Peter Paul Kainrath bringt Musik, Performance und bildende Kunst direkt in bestehende Firmen und Fabriken. Was als gewieftes Sponsoringprojekt begann, hat sich als Forum des Kulturaustauschs etabliert.

Dietrich und Laurin bekriegen sich heute nicht mehr. Ethnisch eskalierende Kämpfe wie in anderen Regionen, in denen verschiedene Kulturen und Sprachgruppen aufeinander treffen, sind der kulinarisch erstklassigen Käse-, Speck-, Wein- und Apfelgegend erspart geblieben. Alto Adige bleibt Italien, das merkt man nicht nur am Klima und der überraschend südlichen Vegetation, sondern abends – wenn die Tagestouristen verschwunden sind und sich die Obstgasse in eine virile open-air Bar verwandelt. Südtirol bleibt gleichfalls ein touristisch einträglich vermarktbares Alpensoziotop von Almen, Bergen, Kuhglocken, Holzbalkonen, Geranien und Tirolerhüten. Doch das reicht nicht, und vor allem: niemandem. Dieses Jahr steht unter dem Zeichen der Neuorientierung.

www.bozen-bolzano.it

www.museion.it

www.manifesta.it

www.suedtirol.info

Text > Marcus Woeller

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

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