– 04.09.2008

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Einige Gäste des Hotels direkt hinter dem alten Bunker an der Berliner Reinhardtstraße haben einen befremdlichen Ausblick aus ihren Zimmern. Dicht gegenüber gewährt eine der wenigen größeren Fensteröffnungen Einblick in den Betonkoloss aus den 1940er Jahren. Hinter der vergitterten Laibung sehen sie ein Krankenhausbett. Zum Fenster geschoben liegt ein Mann unter den weißen Decken. Ist er ein Häftling? Warum liegt ein Kranker im Bunker?
Christian Boros, Kunstsammler, macht sich einen Spaß aus den verunsicherten Blicken. Denn bei dem Siechen handelt es sich um eine Wachsfigur, aber das erschließt sich dem naiven Blick nicht. Boros hat die Installation „Temporarily Placed“ des dänischen Künstlerpaars Elmgreen & Dragset erworben und in seine Privatsammlung integriert, die er jeden Samstag der Öffentlichkeit zeigt. 2002 hatten Elmgreen & Dragset mit der Arbeit den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst gewonnen.

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Sie setzen sich stets mit dem Verhältnis von Architektur und ihrer Wahrnehmung auseinander. Dafür bauen oder verändern sie Häuser, errichten temporäre Gebäude und lenken die Wahrnehmung auf den Raum. Architektur verstehen sie als soziale Struktur und kritisieren damit auch das Architektengewerbe, dem am Sozialen offensichtlich selten gelegen ist. Damit haben sie einen Vorläufer in Joseph Beuys, der den Begriff Soziale Plastik prägte, nehmen aber auch Bezug auf Marcel Duchamp. Sein berühmtes Readymade eines in den Ausstellungskontext überführten Pissoirs denken Elmgreen & Dragset weiter und überformen die Toilette als Kunstraum. Etwa mit dem öffentlichen Urinal auf den letzten Skulpturprojekten von Münster, der den intimen Akt des Wasserlassens als Performance präsentierte. Für jeden, der sich darauf einlassen wollte. Da ist der Weg nicht mehr weit zur „Klappe“ als homosexuellem Begegnungsraum. Elmgreen & Dragset stellen dezidiert schwule Themen zur künstlerischen Disposition, ohne sie zu stilisieren wie andere Art-Couples wie Pierre & Gilles oder Gilbert & George. So kommt auch ihr Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen in Berlin ohne Plüsch und falsche Wimpern aus. Ein Betonkubus gewährt durch einen Sehschlitz die Sicht auf einen kurzen Videofilm sich küssender Männer. Das ein Loch in der Wand auch andere funktionen übernehmen kann zeigten sie dagegen in der Arbeit „Cruising Pavilion“. Ihr Parademotiv haben sie in der Tür als Grundmodul einer jeden Gebrauchsarchitektur gefunden, sie haben aber auch schon Prada-Boutiquen in die Wüste gestellt oder Wohnwagen eingegraben. Dass es immer um „Powerless Structures“ geht, erklärt nun ein ausführlicher Bildband, den Texte von Massimiliano Gioni, Tony Benn und Amelia Saul und ein vollständiges Werkverzeichnis begleiten.

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Elmgreen & Dragset,
„This Is the First Day of My Life“,
Hatje Cantz Verlag,
49,80 Euro
www.hatjecantz.de

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Alle Abbildungen > Elmgreen & Dragset, aus dem besprochenen Buch

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