– 22.08.2008

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DIE GUTE GÖTTIN DER MELANCHOLIE.

Der blaue Gott ist mächtig. Er ist der gute Gott der Melancholie, der alle, die ihm verfallen sind, unvermittelt in den Bann zu schlagen vermag, eine Weile in ihnen badet, um ebenso plötzlich wieder zu verschwinden.

Martina Topley-Bird, die seit Trickys Debut und Trip-Hop-Blaupause „Maxinquaye“ zu seiner göttlichen Engelsschar gehörte, hat ihm über die Jahre treu gedient. Ihr jüngstes Opus „The Blue God“ ist nicht nur nach ihm benannt, sondern wartet auch immer noch stellenweise mit den traurig-verkrachten Zwischentönen auf, die weiterhin das Hohelied des Downseins singen und nach denen Tricky, der asthmatische Kiffhanger und Vater ihrer Tochter, seit jenem Meilenstein weitestgehend vergeblich fahndet. Aber Martinas blauer Gott im Jahre 2008 schillert in vielen Facetten, vom himmlisch gelassenen Blau eines Sommertages über die tiefblaue Wut, die entsteht, wenn die Dämonen der Vergangenheit nicht gehen wollen. Das ist einem Mann und einem Prinzip geschuldet. Der Mann ist der omnipräsente Danger Mouse, und das Prinzip ist das des Einen Produzenten statt der Vielen: „Als Brian (alias Danger Mouse) und ich uns im Rahmen der Arbeit am letzten Gorillaz Album kennen lernten, haben wir schnell gemerkt, dass wir etwas zusammen machen wollen. Nachdem die ersten Tracks standen, war klar, dass die Chemie stimmt und wir weitermachen“, erklärt die Dame mit dem Vogelnamen im Hotelzimmer beim Warten auf eine Pizza, die sie für den abendlichen Auftritt im Vorprogramm der notorischen Morcheeba stärken soll. So klar es beim Hören eines Hits wie „Baby Blue“ erscheinen mag, dass dies ein Bündnis ist, das mit Unterstützung von ganz oben entstand, so verschieden waren die Pläne vom nun vorliegenden Ergebnis. Ein anderer, auf seltsame Synthesizersounds und Misch-Madness setzender Engel namens Leila sollte zunächst an Martinas Seite das zweite MTB Soloalbum zu einem besseren Wurf werden lassen als es das im Zuge von allerlei Mainstreamquerelen und Konzessionen etwas zerstückelte Debut „Quixotic“ war. Allein, was „auf einem persönlichen Level nicht funktioniert hat,“ kann kaum kreative Früchte tragen. Don’t call it Zickenkrieg, denn dafür ist die zwischen der Schweiz und L.A. als Wohnsitz pendelnde Sängerin viel zu gelassen. Aber Danger Mouse’ weitgehend live eingespielter, sehr britischer Neosoul-Sound passte eben viel besser zu Martina.

Gott sei Dank ist die vorschwebende Liedersammlung alles andere als der elektronische Schleppmulch von gestern. Die vielen Gastauftritte, mit denen die noch nicht mal dreißigjährige Ms. Topley-Bird sich bei David Holmes, der Jon Spencer Blues Explosion und den zuletzt von Danger Mouse produzierten Gorillaz über die Jahre in Erinnerung gehalten hat, haben offenbar dazu beigetragen, nicht die Nerven zu verlieren und besser denn je dazustehen. Und auch wenn ihre mittlerweile 13 Lenze zählende Tochter nicht alle Aspekte des mütterlichen Lifestyles goutiert (Reisen) und sie die alten Sachen „irgendwie tiefer und substanzieller“ fand, gefällt auch ihr „The Blue God“ so gut, dass sie es keinesfalls dem pubertierenden Freundeskreis vorenthält. Was auf Platte musikalisch mit vielerlei Instrumenten ausstaffiert wurde, ohne dabei überbordendem Orchesterwahn zu huldigen, soll in der Live-Umsetzung sparsam perkussioniert und allein von Martina Topley-Birds Präsenz in all ihrer flexiblen Brüchigkeit und charismatischen Spontaneität dahin getragen werden, wo es hingehört: in die Köpfe und Herzen der von falschen Göttern wie Amy Winehouse vom rechten Weg abgebrachten Menschen, die den Regenbogen überspannt haben und professionelle Abgefucktheit mit freiwilliger Selbstmelancholie verwechseln. Der blaue Gott möge ihnen beistehen.

http://www.myspace.com/martinatopleybird

MP3 über Tonspion:
http://www.tonspion.de/mp3.php?id=4782


Credits Text > Ole Wagner
Credits Foto > Michael Felsch

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

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