– 19.07.2008

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Es gibt sie noch: Songs, die auch im Zeitalter der musikalischen Reizüberflutung genre- und stilübergreifend für nachhaltigen Diskussionsstoff sorgen und nicht in der beliebten Entsorgungsschublade „Novelty“ abgelegt werden können. Tobias Lützenkirchen ist mit „3 Tage wach“ ein solcher Track gelungen, der dank der heute üblichen Internetverbreitungskanäle, angetrieben von einem bewusst albern gehaltenen Videoclip innerhalb weniger Tage die halbe Republik in Aufregung versetzte. Schon lange wurde die bewusst ausgeführte Grenzüberschreitung der Afterhour-Feierei nicht mehr so plastisch dargestellt, wie in diesem 5-Minuten-Song mit seinem aus Nachtlebenweisheiten bestehenden Text, der mit Zeilen wie „Pille Palle Alle Pralle/Druff Druff Druff Druff Druff/Verpeilt und verschallert, alle verballert“ und, noch ein wenig plastischer, „Volle Kanne Einwurf, 3 Tage wach/Paniert und ding dong ding dong, 3 Tage wach“ eine ganze neue Poesie etabliert.

Als Fackelträger für ein neues Aufblühen der Ravekultur taugt die Nummer, die auf dem Label Stil Vor Talent ihr Vinyldebüt erlebt hat, trotzdem nur bedingt, auch wenn mancher übereifriger Szeneaktivist und diverse Feuilletonisten das natürlich anders sehen. Lützenkirchen selbst, mit über zehn Jahren Erfahrung als Produzent ausgestattet und alles andere als der typische Afterhour-Pillendreher, sieht dem Treiben, dass er losgetreten hat, von München aus mit bewundernswerter Gelassenheit zu. Etwas anderes bleibt ihm auch gar nicht übrig, denn längst hat sich das Stück inklusiver seiner diversen mittransportierten „angeblichen“ Botschaften, die je nach Sozialisation anders gelesen werden können, verselbständigt. Es wird nicht mehr lange dauern, spätestens wenn die Nummer die Top Ten der Charts entert, und irgendein bemüht authentischer Politiker wird ein Verbot fordern, weil vermeintlich zum Drogenkonsum aufgerufen wird. Davon will Lützenkirchen aber nichts wissen. Betrachtet man die Entstehungsgeschichte der Nummer einmal genauer, dann wird schnell klar, dass in erster Linie der Zufall Regie geführt hat.

„Ich habe irgendwann angefangen, nach diversen Afterhours Sachen aufzuschreiben, die Leute bei solchen Events von sich geben. Die Idee, aus diesem ganzen Kontext etwas zu machen, kam spontan.“ Und zwar nach zwei durchfeierten Nächten. Tobias Lützenkirchen spielte in seinem Studio an einem Vocoder herum und bastelte nach und nach aus diversen Satzfetzen ein tragfähiges Gerüst, aus dem schließlich „3 Tage wach“ entstand. Nicht mehr und nicht weniger als eine Fingerübung. Schaut man sich den Output des Mannes in den letzten drei Jahren, seit er der Haus- und Hofproduzent des Labels Great Stuff geworden ist, einmal genauer an, egal unter welchen Namen, von LXR über Elektroluxx, L.Y.T.Z. bis hin zu Electronauts, er veröffentlicht wurde, so wird man feststellen, dass man es hier mit einem manisch besessenen Musikfreak zu tun hat, der sich tagelang in sein Studio einschließen kann. Man tritt ihm sicher nicht zu nahe, wenn man ihn als besessenen Tüftler charakterisiert, der kein besonderes Interesse daran hat, sein Privatleben in der Öffentlichkeit breitzutreten. Seine Sprache ist eindeutig die Musik.

Lützenkirchen hat nicht vor seine Karriere als Produzent, die er als Studioingenieur bei Projekten wie Kosmonova, Interactive, Paffendorf und Luna Park startete, ernsthaft zu beschädigen. Er will auch in zwei Jahren noch in gleichbleibend beeindruckender Geschwindigkeit Tunes veröffentlichen, ohne für immer das Brandzeichen eines Rave-Erneuerers mit sich herumzutragen. Ihm ist durchaus bewusst, wie schnell der vermeintliche Ruhm eines solchen Hits zum Bremsklotz werden kann. „Es ist oft so, dass mir die besten Ideen spontan einfallen“, sagt er zum Schluss. „Darauf kann ich mich inzwischen fast schon verlassen.“

Lützenkirchen: Pandora Electronica (Great Stuff/Groove Attack)
www.drei-tage-wach.de

Credits Text > Norbert Schiegl
Credits Foto > Tina Weber

stylemag
STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

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