– 10.07.2008

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Am 9. August 1956 begann in der Whitechapel Galerie in London mit der Ausstellung „This Is Tomorrow“ das, was wir heute Pop-Art nennen. Vier Jahre zuvor, 1952, hatte sich eine Reihe junger britischer Künstler, Designer, Architekten und Kunstkritiker am Institute of Contemporary Arts in London zu der so genannten Independent Group zusammengeschlossen. Die Mitglieder diskutierten schon früh den Gedanken, die Trivialität des Alltäglichen, wie Werbung und Konsum, in den Kunstbegriff einzubeziehen – eine Verbindung zwischen Hochkultur und Alltag. Richard Hamilton, 1922 in London geboren, ist eines der Gründungsmitglieder der Independent Group. Mit seiner Collage „Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?“, die bei „This Is Tomorrow“ gezeigt wurde, hat er das erste Werk der Pop-Art geschaffen und gilt somit als einer der wichtigsten Künstler der Moderne. Unter dem intellektuellen Einfluss Marcel Duchamps und durch die Begeisterung für dessen Werk entstanden Arbeiten, die zu dieser Zeit mehr an eine Werbekampagne als an ein „Kunstwerk“ im klassischen Sinne erinnerten. In seiner bereits erwähnten Collage holte Hamilton Bodybuilder, Pin-up-Girls, eine Dose Ham und ein Ford-Emblem auf die Leinwand.

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„An Annunciation (b)“, 2005 – 2006 Öl auf Inkjet auf Leinwand© VG Bild-Kunst, Bonn 2008

Mit dieser Darstellung zeigte er einerseits seine Faszination und andererseits seine Kritik gegenüber der Gesellschaft der vom Fordismus geprägten amerikanischen Trivialkultur der Fifties. Anders als die amerikanischen Vertreter der Pop-Art hatte Hamilton als Engländer eine distanziertere und kritischere Haltung gegenüber dem „American way of life“. Auch seine Darstellungen sind nicht so eindeutig wie bei den Amerikanern – eher verschlüsselt und ambivalent. Für seine Collagen setzt Hamilton Gebrauchsgegenstände ein. Er verwendet Fotografien, Werbung und Plakate, aber auch neue Techniken interessieren ihn, wie zum Beispiel computergenerierte Bilder. Schon in den 1950er Jahren glaubte Hamilton, dass das binäre System die Voraussetzung schaffen würde, alle Motive darzustellen. Seit den 1970er Jahren ist Hamilton technisch immer auf dem neuesten Stand geblieben. Der Computer eröffnete ihm die Möglichkeit, seine Werke digital zu generieren und frühere Arbeiten zu verändern, um sie ein weiteres Mal zu vervollkommnen. Das Geschenk, sagt Hamilton, das der Computer einem bekennenden Collagisten machen kann, ist das Maß an Kontrolle.

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„Bathroom – fig.2 II“, 2005/06Öl auf Inkjet auf Leinwand© VG Bild-Kunst, Bonn 2008

Hamiltons Ausstellung „Das digitale Meisterwerk“ in der Kunsthalle Bielefeld dokumentiert, in welchem Umfang der Künstler seit 1994 scheinbar einfache Bilder wie zum Beispiel Postkartenmotive aufgegriffen hat, um sie durch Variation erzähltechnisch wie erkenntnistheoretisch aufzuladen. Durch das wiederholte digitale Bearbeiten und Verändern entstehen Werke, die trotz Vollendung immer noch Alternativen in sich bergen. Die Bereitschaft des digitalen Werkes, immer bearbeitbar und veränderbar zu sein, macht die unablässige Suche des großen Pop-Künstlers nach einem Meisterwerk zum zentralen Thema der Ausstellung. Eines seiner Meisterwerke wird dieser Ausstellung jedoch fehlen: der einstige Hamilton-Schüler und Frontmann von Roxy Music. Über ihn sagte Hamilton einmal: „Bryan Ferry ist mein größtes Werk.“ Ein Ausflug nach Bielefeld lohnt sich trotzdem.

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Richard Hamilton Foto > Joachim Schmidt-Dominé

„Richard Hamilton – Digitale Engel“, Kunsthalle Bielefeld, noch bis zum 10.8.2008
www.kunsthalle-bielefeld.de

Erstes Bild > Richard Hamilton, „Kunsthalle Bielefeld“, 1978 Grafit und PastellPrivatbesitz © VG Bild-Kunst, Bonn 2008

Text > Kathrin Heimburger

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