– 12.06.2008

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Zwei New Yorker Institutionen bieten den ersten umfassenden Überblick über das Werk des 1967 geborenen dänischen Künstlers auf amerikanischem Boden. Zudem wird es auch einige extra für dieses Ereignis konzipierte Projekte geben: „The New York City Waterfalls“ donnern von gigantischen Gerüstkonstruktionen im East und Hudson River vor den Piers in Brooklyn und Manhattan, von der Brooklyn Bridge und auf Governor’s Island in der New York Bay herunter. Eliasson, der in seinem Berliner Atelier zeitweise bis zu 30 Architekten, Ingenieure und Modellbauer beschäftigt, um seine immer komplexeren Vorhaben zu realisieren, hat zudem kürzlich das von BMW in Auftrag gegebene 16. Art Car im San Fransisco MoMa präsentiert. Der neue H2R ist ein Rennwagen mit ökologischem Wasserstoffantrieb, der auch ohne Benzin extrem schnell ist und den der Künstler mit einer fragilen, netzartigen Außenhülle aus Eis überzogen hat, die wie ein festgefrorenes Gürteltier aussieht.
Als Olafur Eliasson im Herbst 2003 sein „Weather Project“ in der Londoner Tate Modern installierte, strömten gut zwei Millionen Besucher in die fünfunddreißig Meter hohe Turbinenhalle, die so majestätisch wie das Mittelschiff einer französischen Kathedrale an der Themse liegt. Es war nicht viel mehr als eine große gelbe Sonne aus Folie zu sehen, die hoch oben an der Wand hing, aus unzähligen Glühbirnen von hinten bestrahlt wurde und sich an der Decke spiegelte. Der Raum war in milchigen Nebel gehüllt, unten in der Halle tobten Kinder mit ihren Eltern, andere picknickten sogar und viele saßen einfach nur herum und blickten entrückt hinauf zum künstlichen Himmel. Man wurde den Eindruck nicht mehr los, dass es sich hierbei um ein großes Erweckungserlebnis handelte, genauso wie zuvor schon in Eliassons Bregenzer Installation „Smoke, Wood“ von 2001. Hier spannte er eine Hängebrücke über einen Ausstellungsraum, installierte abermals seine Nebelmaschinen, sodass der Boden nicht mehr zu sehen war und sich ein schaurig-wohliges Gefühl endloser Tiefe breit machte, wie man es von Überquerungen tiefer Schluchten aus Abenteuerfilmen her kennt. Diese Arbeiten, wie viele andere von ihm auch, zeichneten sich eher durch die Überwältigung der Sinne, also der Einwirkung auf das vegetative Nervensystem aus, als durch die Aktivierung einer rationellen Reflexion. Eliassons Hang zu immer umfangreicheren Projekten der Simulationen von Naturphänomenen brachten ihm spätestens seit dem Londoner „Weather Project“ auch den Vorwurf der Gigantomanie ein. Und wie es bei Anschuldigungen dieser Art so ist, wird auch gerne noch das Klischee von der totalitären Ästhetik nachgeschoben, was natürlich argumentativ in die völlig falsche Richtung läuft. Denn Eliasson geht es in seiner künstlerischen Tätigkeit keineswegs um Machtfantasien, ganz im Gegenteil: seine Veranschaulichungen der vier Naturelemente Wasser, Luft, Feuer und Erde sind Versuche, die Begrenzung des menschlichen Aktionsradius innerhalb einer allmächtigen Natur unter Beweis zu stellen. Ein Interesse, dass sich bereits in seinen früheren Fotografien, den „Aerial Rival Series“ zeigte, mit Luftaufnahmen von Flüssen, die sich seit ewigen Zeiten durch die Erdformationen graben. Eliassons Naturverherrlichung ist keine neue Erfindung und schon gar nicht seine eigene. Es ist die steinalte Argumentationslinie von der Natur als Künstlerin, die in der Antike und dort besonders bei Plinius dem Älteren ihren Anfang nimmt und dazu dient, die Nachahmung der Natur künstlerisch zu rechtfertigen. Sie zieht sich wie eine Endmoräne durch die Jahrhunderte, über die Renaissance-Traktate von Filarete und Alberti bis hin ins 19. Jahrhundert, zu Eliassons großem Vorbild William Turner und seiner romantischen Wiedergabe von Licht und atmosphärischer Stimmung durch Nebel und Sturm auf Ölbildern. Diesen Kanon der Unterordnung unter den Lauf der Gewalten, in dem das Individuum zum Elementarteilchen innerhalb eines Naturganzen degradiert wird, macht sich Eliasson zunutze, um mit seiner künstlichen Darstellung von Nebeln, Wasserfällen oder diesigen Sonnenuntergängen ein ebenfalls altes Bedürfnis des Kunstpublikums zu bedienen: der vergeblichen Sehnsucht nach dem direkten Zugang zur Kunst ohne lästige Umwege über Reflexion, Wissensaneignung und Diskurs. Eliasson schafft eine Ambiente-Kunst, die gut in die gegenwärtige Spektakelkultur passt, in der immer zahlreichere Events ohne große Anstrengung konsumiert werden wollen. Übrig bleibt ein kontemplativer Gemütszustand, ein Erstaunen über die Erhabenheit der Natur… oder auch nur eine Illusion.

Text > Thomas Schönberger

Olafur Eliasson,“Colour spectrum kaleidoscope“,2003
Color-effect filter glass and stainless steel, 75 x 75 x 200 cm
Collection of David Teiger.
Installation view at P.S.1, 2008, photograph by Matthew Septimus. Courtesy of MoMA and P.S.1.
© 2008 Olafur Eliasson

Olafur Eliasson, „Take Your Time“, New York, P.S.1 Contemporary Art Center, bis 30.06.2008.
„Your Mobile Expectations: BMW H2R Project“, München, Pinakothek der Moderne, noch bis 20.07.2008

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STYLEMAG - hier berichtet die Redaktion.

Ein Kommentar für “Kunst als Natur | Das Phänomen Olafur Eliasson”

  1. christine

    schöner artikel, gut geschrieben. ich hoffe auf weiter so fundierte stimmen zu großer kunst…

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